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Strom.

Strom in New York

Der erste Morgen meiner Reise ist novemberkalt. Ich brauche Strom, sofort. Für mein Handy, für eine Internetverbindung. Damit ist klar, womit meine Tage in New York ausgefüllt sein werden: Mit der Jagd nach der wichtigsten Ressource unserer Gesellschaft. Während mir das kalte Wasser in die Wangen beißt, ersinne ich einen raffinierten, ausgeklügelten Plan. 

Er lautet: irgendwie nach oben. Midtown und Uptown haben Strom, munkelt man.

Da mir Haare waschen mit Eiswasser mir so erstrebenswert erscheint wie ein rostiger Nagel im Fuß, versuche ich, mir einen Zopf zu flechten. Vergebens. Sieht nicht ansatzweise nach Frisur aus, kann ich jetzt aber auch nicht ändern. Ich habe keine Zeit für Styling. Ich habe eine Mission.

Mit Stadtplan und leerem iPhone in der Tasche wandere ich den Broadway hoch. New York ist ob des rechtwinkligen Layouts leicht navigierbar, sogar für einen Orientierungs-Honk wie mich. Besonders zu Fuß, aber Züge fahren hier unten momentan ohnehin nicht. Wie auch? An jeder größeren Kreuzung regeln Cops den Verkehr. Ein paar Yellow Cabs, wenige Autos, einige Fußgänger. Das sind sie also, die Straßen von New York. „If I can make it there, I’ll make it anywhere…“ Sinatra singt wieder, ein gutes Zeichen. Am liebsten würde ich die Jungs vom NYPD, die mir vorkommen wie alte Bekannte, zu einem Tänzchen animieren, gehe aber lieber weiter. Auf Bürgersteigen mit schiefen Platten, vorbei an geschlossenen Geschäften (no power – no shopping), abgerockten und schwindelerregend teuer zu mietenden Backsteinhäusern mit bunten Feuerleitern und schrillbunten Schildern, die von Kartenlegen über Nackenmassage bis 99-Cent-Pizza alles Mögliche anpreisen. Wäre New York ein Typ, mir würden Hakennase und Halbglatze nicht auffallen, so verknallt bin ich.

Die Sonne macht den Marsch durch die kalte Luft erträglich, die Faszination des Big Apple übernimmt lenkt mich von meinen Eis-Ohren ab. Nach einer guten Dreiviertelstunde stehe ich am Union Square vor der ersten leuchtenden Ampel. Yeah! Zivilisation! Jetzt fehlt mir nur noch eine Steckdose. Und hier kommt Starbucks ins Spiel.

„Wenn Starbucks offen hat, ist alles in Ordnung“, scherzen die New Yorker. Der hier am Union Square ist geöffnet – die erste Postkutschenstation nach meilenweiter Elektrizitätswüste. Deshalb ist der Laden angefüllt mit Menschen, die nur eins im Sinn haben: Strom. Um jeden Preis, sogar für eine überteuerte Pumpkin Spice Latte. Oder zwei. Dann wird man länger geduldet. Und kann länger ans Netz.

Behutsam stakse ich durch das bodendeckerähnlich wuchernde Geflecht aus Verlängerungs- und Mehrfachsteckdosen, entdecke eine letzte freie Steckdose, wühle in meiner Handtasche – und finde meinen Adapter nicht. Nervös kippe ich den Tascheninhalt auf das Linoleum, zwischen die Füße dreier Männer, die an ihren ladenden iPhones hängen wie an lebenserhaltenden Maschinen. Nichts. Der Adapter liegt zuhause in Nolita.

„Orrr! Das glaub‘ ich jetzt nicht. Fuck!“ motze ich halblaut. „Alles okay?“ fragt eine geschäftsmäßig gekleidete Frau über den Rand ihres Macbook-Monitors hinweg. Ich erkläre ihr die Situation. „Ich muss meiner Familie und meinen Freunden Bescheid sagen, dass es mir gut geht und ich gut angekommen bin .“ Das ist die Wahrheit. Und zieht. Sie lässt mich mein iPhone an ihrem Kabel laden. Für 20 Minuten, aber immerhin. Mein Netbook hat noch ein Fitzelchen Akku, also logge ich mich ins Starbucks-Wifi ein und melde mich bei Facebook an. Mich umhüllt ein wohliges Gefühl. Endlich wieder verbunden, angedockt, Teil des großen Ganzen, kommunikationsfähig. Ein bisschen wie die Borg aus Star Trek. „Das tun hier alle, weil sie grad nicht zur Arbeit können: Sie gehen zu Fuß hier hoch, laden ihre Telefone und Computer, und gehen vor der Dämmerung wieder nach Hause“, sagt sie schulterzuckend und grinst nonchalant. Ja, der New Yorker ist ziemlich zäh und anpassungsfähig. Der gehört so, das weiß man auf der ganzen Welt.

Ich schaue, mein iPhone beruhigend in der Hand, auf ein Meer leuchtender Apfelsymbole und Menschencluster um die begehrten Steckdosen. Sie scrollen, tippen, telefonieren. Gierig, eilig. Ohne Strom ist in unserer westlichen Zivilisation alles nichts. Die Maslow‘sche Bedürfnishierarchie müsste dringend mal erweitert werden, befinde ich. Und gucke auf die Uhr. Erst 28 Prozent Akku auf dem Smartphone und nur noch sechs Minuten. Verdammt.

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2 Kommentare

  1. Skipperjimbo sagt

    Gott sei Dank kann man sich das heute ohne Strom – zumindest jetzt und hier in Deutschland – nicht vorstellen.

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