Reisen
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Favela.

Rio Sushi

Frauen, die auf Sushi starren. Also eine. Nämlich ich. „Don’t you want some?“ fragt mich Mode-Redakteurin Maria, während sie mit ihren ästchenzarten Armen Maki, Nigiri, Sashimi und Tempura auf ihren Teller häuft. Der kleine Knick in meiner Matrix: Wir befinden uns nicht in einem von Rios stylishen Japanrestaurants, sondern in einer Favela. Einem Elendsviertel. 

Und auf dem glänzenden Wohnzimmertischchen unseres Hostels türmt sich das zum Abendessen bestellte Sushi.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Wahrscheinlich mehr so Hühnchen – selbst erschossen, daher als Frikassee – vielleicht mit Reis und Bohnen. Am ehesten aber gar nichts.

Als Beilage zum Luxusfood servieren wir Gäste uns unsere Geschichten. Maria ist mit 26 Jahren für sämtliche Supplements ihres Magazins hierzulande verantwortlich und so ausgebrannt, dass sie „mit diesen Modeleuten kein einziges Wort mehr sprechen“ will. „Ich liebe meinen Job, aber ich kann diese Menschen einfach nicht mehr ertragen. Keine Sekunde. So oberflächlich, es macht mich aggressiv!“ Ihre warme Stimme klirrt unvermittelt hochfrequent. Davon, dass ihr Freund sie mit ihrer Assistentin und besten Freundin betrogen hat, spricht sie erst später. Sie tanzt hier mit Straßenkindern Ballett. Sie schläft viel. Sie isst viel. Sie heilt. Hier, in der Favela.

Ich erzähle knapp von Scheidung, stressigen Medienjobs, entfremdeten Freunden und Krebs und einem abgekämpften Herzen voller Liebe, das noch und nicht mehr weiß, wo es hingehört.

Tom, der ketterauchenden Londoner Investmentbanker-Headhunter (oder „Bankster-Scout“ wie ich ihn nenne), hat mit Mitte 30 ähnliche Probleme. „Ich habe gearbeitet wie ein Besessener, ich habe unanständig viel Geld verdient, aber ich habe mich die ganze Zeit schlecht gefühlt. Seelisch und gesundheitlich.“ Dann zerbrach seine Beziehung und er beinahe mit. Sein abbezahltes Haus in Greenwich hat er untervermietet und ist abgehauen. Auf Sinnsafari. Ob und wann er zurückgeht, weiß er noch nicht. Jetzt trägt er statt Anzug ärmellose Martial-Arts-Shirts, Shorts und Flipflops, unterrichtet Kinder in Rocinha in Englisch und überlegt, sich die ägyptische Hieroglyphe für „Leben“ tätowieren zu lassen. Bei einem Tätowierer in einer Favela.

Hier gibt es nämlich alles. Sushi. Supermärkte, in denen man mit Master- und Visacard zahlen kann. Geldautomaten. Apotheken.  Klamottenshops (mit fragwürdigem Angebot). Autowerkstätten. Spas. Restaurants, Bars, Clubs, Cafés. Ganz normale (mehr oder weniger) Leute führen am Hang eines der vielen Berge Rios ein ganz normales (so gut es eben geht) Leben.

Wie Fernanda und Bruno, die Hostelbetreiber mit ihrer kleinen Tochter. Unter der Kontrolle der Drogendealer hätten sie das „Vidigal House“ nicht eröffnet. Fernanda erzählt: „Wenn wir damals ein Problem hatten, mussten wir zu den Dealern gehen. Ich finde es hier viel sicherer als früher.“

Daniela, eine Ex-Klatschjournalistin, Bloggerin und Aktivistin, ist da ganz anderer Meinung. „Die Polizisten sind korrupt und schlimmer als die Dealer.“ Sie ist vor zwei Jahren von São Paulo nach Vidigal gezogen. Nun wohnt sie für zwei Wochen bei Bruno und Fernanda im Hostel, weil ihr Haus renoviert wird. Sie kann nicht aufhören, zu schimpfen – über die UPP (Unidade de Polícia Pacificadora) aber vor allem über die schleichende Gentrifizierung Vidigals – und rattert dabei selbst wie ein Maschinengewehr: „Seit die Polizei hier ist, gilt es als sicher. Weil es angeblich sicher ist, wird es teurer. Die Armen können sich das Leben hier nicht mehr leisten. Sie müssen weg. In andere Favelas. Sie sollen aus Vidigal vertrieben werden. Damit Luxushotels und teure Häuser gebaut werden können. Das hier ist Krieg. Ein Wirtschaftskrieg.“ Das klingt alles irgendwie vertraut. Wir könnten auch über die Schanze sprechen, merke ich.

Aber die Lage ist in der Tat fantastisch: Keine fünf Autominuten von Rios exklusiver Zona Sul entfernt, mit aquarellbildhafter Aussicht auf Ipanema. Vidigal – ein Sahnestück.

Beim Nachtisch diskutieren wir auf Englisch und Portugiesisch und mit großen Gesten über Gentrifizierung, Teilhabe an der Gesellschaft und dass man dafür einen Preis zahlen muss – zum Beispiel für legal gelieferten Strom, Müllabfuhr, Kabelfernsehen. Daniela meint, dass die Drogendealer die verlässlichere Verwaltung waren. Ich halte dagegen, dass niemand über dem Gesetz stehen darf und Dealer willkürlich Gewalt einsetzen. Als Antwort zeigt mir Daniela ein Video von einem grauzonigen Polizeieinsatz in Vidigal, bei dem sie verletzt und verhaftet wurde. Die Polizisten wollten offenbar eine Art Gemeindezentrum annektieren, um dort einen Stützpunkt zu errichten. Laut Daniela nicht nur unter Protest der Anwohner, sondern angeblich auch ohne das Wissen der Administration.

Ihre Handtasche, die bei dem Einsatz runterfiel, verschwand augenblicklich. Mitsamt Handy. Übrigens das 7., das ihr weggenommen wurde. „Beim 10. mache ich Schluss“, sagt sie grimmig. „Rio kann ein grausamer Ort sein.“

Und ich bleibe auf meinem Lachs kauend bei der Frage hängen, worin genau sich ungeschriebenes von geschriebenem Gesetz unterscheidet – vor allem, wenn die Ausführung des letzteren auch mal eher willkürlich stattfindet.

Ganz weg sind die Dealer übrigens nicht aus den befriedeten Favelas, sie tanzen nur nicht mehr mit ihren Knarren auf den Straßen und bieten Drogen offen als Buffet an.

Einmal sehe ich einen von ihnen. Glaube ich. Ein Junge um die 19, Dreadlocks auf dem Kopf und quer auf seinem nackten Oberkörper eine große, wulstige Narbe. Er steht mit dem Rücken zu mir an der Theke des Cafés, vor der Tür parkt sein riesiger schwarzer Jeep, den er wohl nicht mit Derivatehandel erworben hat. Das Auto ist nicht abgeschlossen. Er ist sicher, dass niemand seinen Wagen stiehlt. Ich bin es auch.

Aus dem offenen Beifahrerfenster rummsen nicht etwa Funk oder Gangsterrap, sondern schwülstige Balladen – Céline Dion, Whitney Houston. Voll aufgedreht. Angeben und Posen hat er nicht nötig. Als seine Frau mit zwei Kindern reinkommt, wird sein kalter Blick warm; er streicht er den Kleinen zur Begrüßung zärtlich übers Haar. Mit denselben Händen, mit denen er möglicherweise Leben genommen hat. Wahrscheinlich sogar. Mir ist diese emotionale Kluft auf einmal zu tief; ich kippe den letzten Schluck Guaraná und gehe.

„Die Kids in den von Dealern kontrollierten Favelas hatten bisher kaum eine andere Chance, wenn sie ihre Familie ernähren wollten. Die Gegend stigmatisiert. Die, die heute erwachsen werden – die haben ganz andere Möglichkeiten“, meint Tom. Aber ist das wirklich so?

Während ich den Berg hochstapfe – über selbst gegossene Auffahrten, vorbei an müllplündernden Straßenkatzen, vereinzelten Hundehaufen – denke ich darüber nach, dass die Welt noch immer nicht schwarz oder weiß ist und es nie sein wird und dass mich das leider ganz manchmal überfordert.

„Tudo bem?“ Die Pizzeriabesitzerin winkt mir zu. Dabei lebe ich erst seit einigen Tagen hier. Aber ich fühle mich Zuhause, sicher. Und das liegt nicht an Polizisten, sondern an Menschen wie ihr. An Bruno und Fernanda – die im TV immer den Sambakanal für mich einschalten, weil sie es so drollig finden, wie ich dann strahlen muss. Und Favela ist nicht gleich Favela, schon der Unterschied zwischen Vidigal und Rocinha ist enorm.

Aus der Pizzeria schleicht mir eine Duftwolke nach. Es riecht nach irgendwas mit Käse und Oregano und überhaupt nicht nach Dreck. Aber nicht nur diesbezüglich ist Vidigal ohnehin gemäßigt. Mein Magen fängt an zu knurren – Hunger.

Ich denke, ich bestelle heute wieder Sushi.

2 Comments

  1. Jessica says

    Ich mag, dass du sagst, dass all das dich manchmal überfordert. Denn wenn man nicht nur schwarz und weiß sieht, fängt es an sehr schwierig zu werden. Mir geht es auch so.
    Gute Reise!🙂

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