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Sobremesa.

Salvador da Bahia

Hätte ich meinen Nachtisch gegessen – womöglich wäre alles nie passiert. An meinem letzten Abend in Salvador da Bahia schleppe ich mich allein ins billige, halb leere Kilo-Restaurant „Cantina da Lua“ am Praça Terreiro de Jesus. Den langsamen Rhythmus der Latin-Band nachahmend, stochere ich lustlos in dreierlei Desserts. Viel zu künstlich. 

Ich schiebe das weiße Plastikschälchen beiseite. Dann eben ein Bier. Doch ich komme nicht bis zur Bar. „Menina, du hast ja deinen Nachtisch gar nicht aufgegessen. Hat er dir nicht geschmeckt?“ fragt ein großer Junge mit Rucksack. Und so beginnt meine sehr süße und bislang einzige Reise-Romanze.

Ich drehe mich um und sehe mausbraune Millimeterhaare, glatte Wangen und goldgrüne Augen. Seine Nase ist nicht groß, aber ein bisschen gebogen. Jünger als ich. Nicht mein Typ. Trotzdem bleibe ich stehen. Es ist die Art, wie er mich anspricht. Darin lauert nichts Gieriges, nichts Listiges. Es ist ein „Wer bist du?“ und kein „Wie fickst du?“ Es ist die Wärme seiner Stimme, die sich um mein fröstelndes Eremiten-Ich legt wie ein trocknerheißes Frotteehandtuch.

Herzklopfen. Wortstolpern. Ich verstecke mich wie üblich hinter dem Clown, doziere gestikulierend über die Zuckerpampen am Buffet und verteile Noten. Von 5 bis 6-. Er grinst schief. Und holt uns zwei Bier. Wir trinken einiges in dieser warmen Nacht, aber wir werden nicht betrunken. Über dem Teelicht am weißen Plastiktisch kommen wir vom Plaudern ins Reden ins Philosophieren. Auf Englisch. Er ist Kolumbianer, 29 und Musikproduzent. Aber vor allem ist er authentisch. Ein aufmerksamer Zuhörer und aufrichtiger Erzähler. Seine Augen haben Tiefe. „Der ist 3D“, denke ich. Und habe keine Angst, hineinzuschauen.

Die Latin-Band hat längst zu Salsa gewechselt. Kubanische Musik in Brasilien? Von mir aus. „Magst du tanzen, Bonita?“ Ich lege meine Hand in seine. „Du hast große Hände für ein Mädchen“, sagt er. „Ich weiß. Wenn ICH Ohrfeigen verteile, tut es richtig weh.“ Er lacht so satt, dass meine Ohren prickeln. Beim Tanzen legt er seine Hand an die Stelle meines Rückens, die gerade noch öffentlichkeitsakzeptabel ist. Ob die Ohrfeigensache ihm Angst gemacht hat? Er ist ein versierter Tänzer. Schließlich lehne ich meine Wange an seine Schulter. Sein Duft lässt mich lächeln. Ich werde zutraulich. „Lass‘ uns irgendwo Samba tanzen gehen“, sage ich abrupt. „Gut“, sagt er. „Ich war da gestern in so einem Laden…“ Als wir losgehen, nimmt er meine Hand. Sie passt bequem in seine. Wir schlendern über das Kopfsteinpflaster in Salvadors Altstadt, vorbei an bonbonbunten Kolonialbauten, tauschen Belanglosigkeiten und Bedeutungsvolles aus, schweigen aufgeregt. Sommernachtsgefühl außen und innen.

In dem Laden von gestern ist heute keine Live-Musik. In der winzigen Bar sitzen nur zwei elegante Mädchen, die er von neulich kennt. Während er Cachaça für uns bestellt, smalltalke ich stockend. Plötzlich fühle ich mich verschwitzt und plump. Ich setze mich und studiere die Karte. Ein Gesprächsfetzen dringt an mein Ohr „… ist schön, klug und lustig – versuch‘ dein Glück.“

Zwei Schnapsgläser auf dem Tisch. Dazu ein Wasser. „Für dich, falls du magst. Damit es nicht so brennt.“ Ich lache trocken. „Baby, ich war auf Kuba. Ich habe kaum etwas anderes getrunken als puren Rum.“ Es brennt fürchterlich, aber ich rühre das Wasser nicht an. „Du bist niedlich, weißt du das?“

Wir ziehen weiter, landen auf einem afrobrasilianischen HipHop-Konzert. Er umarmt mich von hinten, wir wiegen uns im Takt. Eine Hand liegt auf meinem Bauch, die andere spielt mit meinem Zopf. „Es fühlt sich gut an, dich zu umarmen. Und du hast tolle Haare“, flüstert er in mein Ohr. Ich verstecke mich wieder hinter dem Clown. „Ja, und die auf dem Rücken solltest du mal sehen“, frotzele ich, mich halb zu ihm hinwendend. Seine Lippen bringen den Clown zum Schweigen. Endorphine, wie Kohlensäure in meinem Blut. Er reibt seine Nase an meiner Schläfe. „Deine Augen. Sie leuchten so nach dem Küssen. Das ist schön.“

Das Konzert ist vorbei und wir sind wieder 16. Wir können nirgendwo hin, wir wohnen beide in 10-er Schlafsälen in verschiedenen Hostels. Rastlos mäandern wir durch die Gassen. Küssen. Wispern. Seufzen. Es ist schon nach Mitternacht, die Straßen im Pelourinho werden leerer. Bis fast nur noch Berauschte unterwegs sind. Er ist freundlich zu jedem penetranten Bettler. „Schau mal, wir haben uns grad getroffen und nicht viel Zeit für unsere Liebe. Morgen fliegt sie schon weg.“ Das versteht selbst ein Crack-Junkie.

Wir setzen uns an einer Kreuzung unweit meines Hostels in einen Hauseingang auf eine Steinstufe. Versprechen uns alles und meinen es auch. Jetzt. „Komm‘ zu mir nach Bogotá“, sagt er eindringlich. „Wir schließen uns ein und lieben uns eine Woche lang.“ Sein Hals schmeckt ein bisschen salzig. „Oh ja! Und das Essen lassen wir uns bringen.“ Wir malen mit Worten und Händen und Lippen.

„Du bist so süß wie Schokokuchen“, raunt er. Eine Erinnerung piekt. „Du bist so süß wie Honig“, hat jemand mal zu mir gesagt, aber das ist lange her. Haha. Ich, der Diabetiker-Tod. „Aber du bist nicht nur ein süßes Mädchen. Du bist eine sinnliche Frau und die stärkste Kämpferin, die ich je getroffen habe.“ Sein Blick wird ernst. „Du musst deine Geschichten unbedingt aufschreiben.“
„Ja, aber mit welcher fange ich an?“
„Mit unserer.“

Zunächst aber fange ich den Abschied an. Als der Himmel da silbrig wird, wo bald die Sonne aufgeht. Wir verabreden uns zum Frühstück. Noch ein paar Momente mehr.

Um Punkt 9:30 Uhr steht er oben an der Kreuzung. Ich beobachte ihn von weiter unten. Er sucht nach mir, tatsächlich nach mir, und erinnert mich daran, wie es sein soll. Ein Mann, der eine Frau toll findet, steht nach drei Stunden Schlaf mit den Händen in der Hosentasche an der Ecke und wippt. Ohne Smartphone. Ich geniere mich, das bin ich nicht gewohnt. Auch von mir nicht – meine seltenen, beschwipsten Nachtflirts welken alle vor dem Morgen. Ganz selbstverständlich nehme ich ihn mit zum Hostelfrühstück. Ganz selbstverständlich legt er den Arm um mich. Wir trinken Kaffee aus einem Becher, er holt mir Saft, ich gebe ihm mein halbes Käsebrötchen. Er sagt: „Ich will nicht, dass du schon gehst.“ Ich sage: „Ich auch nicht.“ Aber ich fühle, dass es so richtig ist. Die echte Romanze lebt von Nichterfüllung. Oder soll ich ihn doch besuchen? Ich weiß es nicht.

Er zerrt meinen monströsen Trolleyrucksack ungeachtet meines Protestes über das Kopfsteinpflaster den Hügel hinauf zum Taxistand am Praça da Sé. Zum Abschied schenkt er mir eine seiner CDs. Im Inlet steht neben seiner Mailadresse: „Schreib mir etwas Wunderschönes.“ Zum letzten Mal küsse ich den kleinen Fleck an seiner linken Oberlippe. Als ich ins Taxi einsteige, kommt seine Hand fast mit. Die Tür fällt zu, ich drehe mich doch nicht mehr um.

Das Dessert ist nicht ohne Grund der letzte Gang.

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6 Kommentare

  1. Sarah sagt

    Hab noch ganz viele solch schöne Momente auf deiner Reise!

    Alles gute von Herzen wünsche ich dir!

  2. Zum Dahinschmelzen…

    „Oder soll ich ihn doch besuchen?“ – Gewinne ein paar Tage Abstand und höre darauf, was Dein Herz Dir sagt. 🙂

  3. Och bittersüss!
    Wunderschön geschrieben, es ist als wäre ich dabei gewesen!
    Bogota, könnte doch einen Abstecher wert sein! 😉

    Liebe Grüsse
    Nathalie
    Ps Ich freue mich über jeden Artikel von dir!

  4. Wow! Deine Texte berühren mich jedes mal. Dieses Mal noch so viel mehr, da ich selber in Nicaragua unterwegs bin und dieses bittersüße Gefühl so sehr nachvollziehen kann.

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