Reisen
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Sturm.

Streetart in Buenos Aires

Es regnet an vier Stellen ins Zimmer. Donner lässt die kleine Fensterscheibe klirren. Ich liege in meinem schmalen Bett und wundere mich, dass Buenos Aires im Spätsommer zu so dramatischen Unwettern fähig ist. Seit Ende Februar wohne ich im Stadtteil San Telmo, nach Monaten mit rumorenden, schnarchenden Mitreisenden in Hostels endlich allein. 

Stille. Und hier, in der Abgeschiedenheit, erreiche ich mein Reiseziel. „Das ist es. Nicht groß, aber… äh… hell“, Vermieter Andres öffnet die knarrende Tür und preist das spartanische Dachkämmerchen an. Er zieht dabei beschwichtigend die Schultern hoch. Aus Gründen.

Bettchen, Gartentischchen mit Stuhl, Regal, Kleiderstange und in der Mitte gerade genug Platz für meinen Monsterrucksack. Passt schon. Es ist später Nachmittag, ein satter Sonnenstrahl beleuchtet den Tisch. Spot on. „Sieh‘ her, arme Dichterin – ich bin zum Schreiben wie geschaffen!“ Im romantisierenden Gedenken an Spitzwegs Klassiker lasse ich meine Handtasche aufs Bett plumpsen. „Wunderbar! Es ist ganz entzückend.“ Andres atmet hörbar aus und wir machen das mit dem Geld. Dollars in bar, für den vollen Monat im Voraus, Inflation in Argentinien. Das bedrohliche Schwinden meiner privaten Kaufkraft verdränge ich.

In dem vierstöckigen Jugendstilhaus mit Dachterrasse wohnen ausschließlich Langzeitmieter in WGs, mindestens einen Monat muss man bleiben. Die meisten von ihnen, so auch meine beiden Mitbewohner, sind pokernde, kiffende Studenten mit mangelndem Hygienebewusstsein. Über „Hast du den kleinen Topf gesehen?“ – „Wir haben Töpfe?“ kommen wir nicht hinaus. Ich bin allein. Eine Eremitin. Weil ich es so will.

Und ich komme zur Ruhe. Ich schlafe, ich lese, ich schreibe. Ich höre Musik. Ich denke nach. „Thoughts arrive like butterflies“ singt Eddie Vedder und ich kann fühlen, was er meint. Wenn man ganz still ist und sich nicht rührt, dann setzen sich irgendwann die Gedanken auf Kopf, Schulter, Handrücken, Nasenspitze. Zuerst zögerlich, aber dann immer leichter. Die schüchternen, vergessenen. Die schönen und hässlichen. Die absurden und die logischen. Die ungehörten, unausgesprochenen. Sie locken Träume an, Sehnsüchte. Ängste, Fragen und Zweifel. Bis alles vibriert und man selbst zum Zentrum des Gedankenschmetterlingssturms wird. Wer will ich sein? Was kann ich schaffen? Wo gehöre ich hin? Wieso ist die Welt so, wie sie ist? Was bleibt, wenn ich gehe?

Der Wind peitscht ein Kabel gegen den Fensterrahmen, die Tropfen erzeugen in vier verschiedenen Schüsseln einen hypnotischen Beat. Dass ich nicht schlafen kann, liegt nicht am Unwetter. Ich hatte wieder einen Traum, der mein Herz von Innen klitschkoesk gegen meine Rippen boxen lässt. In solchen Nächten packt mich Angst, schleudert mich aufs Bett, kniet auf meinem Brustkorb und saugt mit ihrer Seelenräuberzunge und ihren Nichts-Augen meine Zuversicht aus. Oder der Schmerz umarmt mich lange, um mich sanft zu erwürgen. Ja, mein Unterbewusstsein nutzt die Stille und führt mich nach und nach vorsichtig an all meine Abgründe. Zeigt mir meine dunklen Flecken, seelischen Druckstellen und Deformationen. Ich träume viel hier, im Kämmerchen. Von Krankenhäusern und Ärzten. Von verzagten und verschwundenen Freundinnen. Von zwei verwundeten Poeten in Ritterrüstungen, die nie gleichzeitig ihr Visier öffnen – zwei Freunden, die sich gegenseitig tragen, als sie längst nichts mehr tragen können. Von einem Kind, das sich emotionaler Vernichtung widersetzen muss und trotz allem lieben kann. Meine Seele zeigt sich mir nackt und ich betrachte sie von allen Seiten.

Und dann, nach vielen durchwachten, durchfürchteten, durchkämpften Nächten, setzt sich an diesem frühen Morgen die Erkenntnis an meine Bettkante und grinst schüchtern. Meine Seele mag ja viele, viele wulstige Narben, einige unverheilte Wunden, hässliche Plattfüße, Hornhaut und Lovehandles haben – aber ich würde keine andere wollen. Sie ist die tapferste, die ich kenne.

Das Tropfen in den Schüsseln wird langsamer, der Donner grollt nur noch leise. Nach dem Sturm kehrt Frieden ein. Mit mir selbst und den Menschen, die da waren und sind, den guten und den bösen. Dankbarkeit. Und mit der Akzeptanz kommt die Erleichterung. Ich bin eben bloß ich. Ja, mir hätte vorher klar sein können, dass Selbstfindung auf einer Reise nicht einfach geschieht wie braun werden am Strand, sondern dass davor eine ätzend anstrengende Suche steht. Aber so ist es auch in Ordnung. Wo das alles hinführt? Keine Ahnung, es ist noch ganz zart. Momentan bin ich bei mir. Der Rest wird sich irgendwie finden – egal, ob Autorenbüro in Hamburg, Favela-Tanzschule in Rio oder Herrenboutique in Wuppertal.

Das Unwetter ist vorbei, die Sonne geht auf. Endlich Zeit für einen Spaziergang und Tango. Ich bin schließlich in Buenos Aires.

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8 Kommentare

  1. Wiedermal ein sehr schöner Text, der einen selbst an Orte und Momente führt die einen rausbringen aus dem Alltagstrott. Vielen Dank dafür.

  2. Solche Sätze: „Meine Seele mag ja viele, viele wulstige Narben, einige unverheilte Wunden, hässliche Plattfüße, Hornhaut und Lovehandles haben – aber ich würde keine andere wollen. Sie ist die tapferste, die ich kenne.“ kann man in der heutigen außenorientierten Welt nicht oft lesen. –
    Ich mag es, hier lesend zu verstehen, wie andere ihr Leben leben.

  3. Saskia sagt

    Hach.
    Ich finde nicht so schöne Worte wie Du, aber ich kommentiere damit du weißt das ich immer noch in Gedanke mit auf deiner Reise bin.
    Ich bin übrigens für eine Favela-Tanzschule in Hamburg. :0)))

  4. Ja. Mehr kann man dazu nicht sagen- Ja. Und fantastisch geschrieben, ich wünschte, ich könnte so schreiben! Grüße von einer neuen Leserin!

  5. Hey Jessie, liebe es deinen blog zu lesen..bin grad aus indien wieder heimgekehrt und bei 40 grad temperaturunterschied fällt mir hamburgs graue seite aufn kopf..umso schöner in deine gedanken- und reisewelt zu tauchen ohne die wohnung verlassen zu müssen..dicke Umarmung mach weiter und geniesse, geniesse, geniesse!!

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