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Tango.

Tango-Schuhe

„NO! No, no! You have to trrrust yourrr parrrtnerrr!“ Die elfenhafte Tango-Lehrerin Laura knurrt Befehle wie ein SS-Offizier.  Nun, wir sind in Argentinien. Und das mit dem Vertrauen ist heikel, wenn man sein Gegenüber erst vier Minuten kennt und es sich um einen schmerbäuchigen Kettenraucher im Jethro-Tull-Shirt handelt. 

Im Schummerlicht scheinen seine gelblichen Gesichtszüge zu zerfließen; eine warmgewordene Wachsfigur. „Ich bin Pedro“, flüstert er mir auf Deutsch zu, während mein Kopf meinen Körper dazu zu zwingen versucht, sich zwecks Tanzoptimierung in seine Richtung zu lehnen.

Das ist sie also, meine erste Tangostunde.

So lange habe ich davon geträumt, in Buenos Aires Tango zu tanzen, dass ich nicht mehr sagen kann, seit wann und warum. Fast hätte ich diesen Traum vor lauter Grübelei sogar vergessen. Bis meine Rio-Reisebekanntschaft Keisha mich aus der selbstgewählten Isolation holt. Morgen fliegt sie zurück nach London und deshalb gewinnt sie, als sie sagt: „Komm‘, wir gehen an meinem letzten Abend zur Milonga. Da ist vorher noch eine Tangostunde. Das wird lustig!“

Oh, ja. Und wie. Wenn man unter „lustig“ das beklemmende Gefühl versteht, als die einzigen Singleladys verspätet in eine Pärchenveranstaltung zu platzen. Giftige Blicke spritzen unsichtbare Flecken auf mein weißes Spitzenkleid, das ich aus den Tiefen meines Rucksacks gekramt habe. Extra für die Milonga. Der Begriff steht für eine Musikrichtung, einen Tanzstil, eine Veranstaltung und den Ort zugleich. Unzählige Milongas gibt es in Buenos Aires, überwiegend von Touristen besucht. So wie diese.

Ein älteres Paar in Khakishorts – Lehrer a.D., die sich seit ihrer Pensionierung nichts mehr zu sagen haben und darum reisen. Stöckchenhaft stehen sie da, säuerlich hinter ihren eingravierten Konzentrationsmasken, und wirken in ihren Trekkingsandalen auf dem Tangoparkett so deplatziert wie ein Elefant im Klassenzimmer. Daneben kontrastierend zwei australische Endvierziger. Braungebrannte Berufsjugendliche in Batikshirts, dauerkichernde Sichselbstgenügler. Nur als Keisha und ich reinkommen, lugt sie sekundenlang stirnrunzelnd über den Rand ihrer Hornbrille und er blickt betont devot zu Boden. Uns direkt gegenüber ein britisches Paar Mitte Zwanzig. Sie demonstriert ihren Marktwert in Kleidchen und High Heels; er versucht angestrengt und ein wenig steif, in Hemd und Bundfaltenhose mitzuhalten. Doch der fliehende Haaransatz erlaubt einen Blick in seine nahe halbglatzige Zukunft – er macht zweifelsohne alles, um ihr zu gefallen. Sogar Tango.

Von Glatze kann bei Pedro keine Rede sein, er hat sein beigefarbenes Haar zu einem straffen Zopf gebändigt. „Du sprichst Deutsch?“ frage ich ihn. „Ja, mein Vater ist Deutscher.“ Pedro gehört zu den Barmherzigen, die sich vor dem Beginn der offiziellen Milonga zur Tangostunde einfinden und sich bei Bedarf um alleinstehende Damen kümmern. Ich fühle mich wie in der Sportstunde früher und bin doch froh, dass ich nicht mit der kleineren Keisha tanzen und der Mann sein muss.

Die Grammophonmusik setzt ein – getragene, akkordeondominierte Klänge – und Pedro schiebt mich auf dem stumpfen Saalparkett vor sich her. Ich schließe die Augen und versuche, mich vollkommen passiv zu verhalten und nur auf seine Impulse zu reagieren. So läuft das nämlich beim Tango. Und deshalb kann ich das auch nicht besonders gut. Während ich mich konzentriere, denkt Pedro an was ganz anderes: „Falls du Dollars hast – ich würde sie dir abkaufen. Zahle auch mehr als die Bank.“ Ich verneine. Ich habe gar nichts mehr. Er ist nicht der erste, der mich danach fragt. Auch der Obstverkäufer wollte mit mir Geschäfte machen. Inflation in Argentinien.

Dann muss Pedro raus, rauchen. Wie etwa alle sieben Minuten, aber das Päckchen kostet hier ja auch umgerechnet bloß 1,50 Euro. Vorher schiebt er mir noch einen neuen Tanzpartner zu: Alejandro. Ende 60, groß, glattrasiert, polierte Schuhe. Die Art Mann, die beim Zeitungsumblättern zwischen die Seiten pustet. Auch Alejandro spricht Deutsch; ich frage gar nicht erst, warum. Während er mich mühelos führt und uns kleine Drehungen gelingen, plaudern wir. „Dieses Land steht kurz vorm Bürgerkrieg“, raunt er. „Die Leute sind nicht mehr bereit, die Situation zu akzeptieren.“ Mir fallen die täglichen Demonstrationen in der Stadt, vor allem auf der Av. 9 de Julio vor meinem Fenster, wieder ein. „Eh… Die Situation?“ Rechts, links, Drehung. „Ja. Arbeitslosigkeit, Inflation, steigende Kriminalität, Ungerechtigkeit, die korrupteste Regierung aller Zeiten.“ Er dirigiert mich zum Ausfallschritt. „Ich frage mich, wann es wohl bei uns soweit ist“, murmele ich. Vor, zurück. „Ach, die Deutschen halten nicht viel von Revolution. Ist historisch.“

Die Tanzstunde endet, ein kollektiver Erleichterungsseufzer anwesender Ehemänner  vibriert im Raum. Der Milonga-Teil für Profis beginnt. Und zwar mit einem furiosen Live-Aufritt.

Auf der Bühne traktiert ein winziger Vollbartträger mit Undercut seinen Kontrabass mit an Brutalität grenzendem Enthusiasmus. Am Klavier hämmert ein magerer Ashton Kutcher derart frenetisch in die Tasten, dass er dabei unkontrolliert auf und ab hüpft. Der Akustikgitarrist lässt Slash alt aussehen und der Akkordeonspieler knallt sich sein Instrument wiederholt so hart auf den Oberschenkel, dass ich allein vom Zuschauen blaue Flecken bekomme. Extrem ernsthaftes Engagement meets ekstatische Spielfreude – wie lauter manische Helge Schneiders, nur ohne die Ironie. Während mein Mund offen steht, fühlen sich meine Ohren von der freejazzigen Zigeunermusik mit orientalischem Einschlag überfordert. Ein greiser Sänger im feuerroten Hemd gibt anschließend den Klassiker „Bésame Mucho“ zahnprothesenbedingt lispelnd, aber mit solcher Inbrunst in einer funky Version („Bes-bes! Última vez!“) zum Besten, dass ich erst verzögert bemerke, wie meine Hände schon lange mitklatschen.

Tango Milonga

Ich war inzwischen bei mehreren Milongas, wie hier an der Plaza Dorrego. Die alten Herren sind begehrte Tanzpartner und können sich die jungen Damen aussuchen. Hatten ja auch lange Zeit zum üben.

Es ist die Stunde der alten Herren.

Nun wird richtig getanzt – und obwohl inzwischen viele versierte und bezaubernde Tangotänzerinnen eingetroffen sind, gibt es kaum altersgleiche Tänzer. Deshalb sieht man lauter verschieden alte Pärchen mit geschlossenen Augen elegant übers Parkett schlurfen. Ja, Tango wird geschlurft. Mit großen Posen und Gesten. Das Akkordeon peitscht nicht mehr, es kitzelt. Das Klavier klimpert von Sehnsucht und Leidenschaft. Ich klimpere mit dem Eis in meiner Cola.

Neben mir feixt Keisha: „It’s incredibly sexy when a man knows how to dance Tango. A good looking, younger guy could sooo clean up here.“ Ich nicke grinsend. Einen annehmbaren argentinischen Tango-Gott habe ich hier heute nicht entdeckt. Schon gar nicht in meinem Alter. Aufs Stichwort schwoft  Pedro mit einer reizenden Blondine an mir vorbei, sie sieht milde angewidert aus.

Ich lehne mich zurück, zuschauen gefällt mir besser. Manche Träume haben eben in der Realität nichts verloren.

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3 Kommentare

  1. Thomas sagt

    Nehme ich die letzten beiden Artikeln als Basis und vergleiche sie mit den vorherigen, bekomme ich das Gefühl, das die sprudelnde, tanzende Leichtfüssigkeit in den letzten Wochen einer melancholischen Wut und Trotzigkeit gewichen ist. –
    Vielleicht solltest Du nach der langen Zeit mal wieder den Kontinent wechseln. Wann geht es nach Südafrika?

    • Huch! Interessant, dein Eindruck. Aber eigentlich bin ich immer beides – nennen wir es melancholische Leichtfüßigkeit. 🙂 Und ich bin seit kurzem in Südafrika. Schön hier!

  2. Thomas sagt

    Ja, habe es gerade gesehen. Und Deine ersten Eindrücke kann ich gut nachvollziehen. Die kilometerlangen Townships entlang der N1 stehen in einem derart krassen Verhältnis zur Glitzerwelt der Mother City, dass es einen gruselt und demütig macht.

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