Reisen
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Farben.

Bo Kaap

„Wenn du hier liegen bleibst, steigst du aus und rennst um dein Leben.“ Taxifahrer Joe fixiert meinen Blick im Rückspiegel. Er scherzt nicht. Auf dem Weg vom Cape Town International Airport in die „City Bowl“ passieren wir mehrere Townships. „Von deinem Auto bleibt eh nichts mehr übrig, sie nehmen alles mit – Reifen, Türen, Sitze. Aber eigentlich ist es sehr schön hier.“ 

Ich schlucke trocken.

Willkommen in Südafrika.

Die Bretterbudenhäufchen von Guguletu, Bonteheuwel und Langa erstrecken sich in anarchischer Formation rechts und links der Autobahn flach bis zum Horizont. Anders als Rios Favelas, die gut sichtbar an den Hängen der überall im Stadtgebiet verstreuten Berge prangen, breiten sich die Elendsviertel Kapstadts vor den Toren der Innenstadt aus, schön weit weg – Separation, das Wesen der Apartheid. Aber auf dem Weg zum Flughafen kann man ihnen nicht ausweichen. Ein kilometerlanges Mahnmal.

Neben den mit Müllbeuteln und Sperrholzplatten abgedichteten Wellblechhütten reihen sich plötzlich kleine, bunt gestrichene Betonhäuschen auf. Joe fängt meinen verwunderten Blick auf. „Die lässt die Regierung bauen. Aber das löst die Probleme nicht. All diese Häuser haben zwei Zimmer und die Bewohner leben mit 10, 15 Leuten darin.“

Joe liefert mir seinen persönlichen Erklärungsansatz gleich mit: „Es ist die Kultur. Die Menschen dort teilen alles und helfen jedem. Wenn zum Beispiel Besuch kommt, dann bringt einer eine Flasche Whiskey mit, der andere eine Flasche Rum und so weiter. Dann kippen sie alles zusammen und jeder trinkt gleich viel vom Gleichen. Jeder, der dir mal geholfen hat, gehört zur Familie. Und die lässt man nicht im Stich.“

Später, beim Frühstück in der großen Hostelküche mit der gleichalten Kommunikations-Managerin Lisa aus Johannesburg höre ich, dass Township natürlich nicht gleich Township ist und sich selbst innerhalb der Viertel enorme Unterschiede auftun. Wie in Rio, ich dachte es mir schon. „Mandela wohnt im Township in Joburg in einem ziemlich schicken Haus“, sagt sie. Dort wird dem über 90-jährigen Ex-Präsidenten nach seinem jüngst 10-tägigen Krankenhausaufenthalt nun „homebased high-care“ zu Teil. Was wohl in Südafrika passiert, wenn Mandela stirbt? Lisa liest meine Gedanken. „Wenn Mandela stirbt, werden die Menschen verunsichert sein oder zumindest misstrauisch gegenüber dem, was dann kommen mag. Die Jahre der Apartheid stecken uns noch in der Seele. Ich glaube nicht, dass es je wieder Apartheid in Südafrika geben wird. Aber wer kann sich schon ganz sicher sein?“

Weil der Pfirsich auf meinem Teller hart ist wie ein Apfel, das Messer stumpf und ich abgelenkt, schneide ich mir in den Zeigefinger. Aus dem kleinen Schnitt quillt sattrotes Blut. „Woher kommt die Gewalt in Südafrika?“ frage ich. Lisa reicht mir ein Küchenkrepp. „Kriminalität beginnt mit Not. Wenn du nichts zu essen hast und der  gegenüber hat ein Brot – dann nimmst du es ihm weg. Weil du überleben willst. Mit Stehlen fängt es an. Und es gibt hier riesige Armut, wir haben eine Arbeitslosenquote von um 30 Prozent – Leute in ihren Dreißigern, die noch nie im Leben gearbeitet haben. Der Staat kümmert sich hier auch nicht um seine Arbeitslosen wie bei euch in Europa. Tja. Keine Arbeit, kein Essen.“

Vom Diebstahl zu Vergewaltigung und Mord sei es ja aber doch noch ein gehöriger Schritt, werfe ich ein und häufe mit der linken Hand Joghurt auf meinen Obstsalat. Lisa runzelt die Stirn. „Ich will die Apartheid nicht für alles verantwortlich machen, aber… Viele Menschen in diesem Land sind schwer traumatisiert. Jahrzehntelang wurde ihnen eingeimpft, sie seien nichts wert. Ihnen wurde die Menschenwürde nicht nur genommen, sie wurde vernichtet. Tag für Tag. Freunde und Familienmitglieder verschwanden und tauchten nie wieder auf. Wie mein Cousin. Er war damals im Highschool-Alter und in einer Bürgerrechtsgruppe. Die Regierung behauptete, er und seine Freunde würden eine Bombe bauen wollen. Eines Tages fuhr er mit dem Bus von Kapstadt nach Johannesburg und verschwand. Wir wissen bis heute nicht, wo er ist. Fast jeder hier hat in dieser Zeit jemanden verloren, den er liebt.“ Lisa hält kurz inne und holt tief Luft. „Die schwarzen Südafrikaner lebten in permanenter Unsicherheit, Machtlosigkeit, Würdelosigkeit. Diese Erfahrungen kann man nicht auslöschen. Und sie haben ihre Traumata nie aufgearbeitet. Diese innere Wut und Ohnmacht, die lassen sie im Affekt am schwächsten greifbaren Glied aus – Frau und Kind.“

Daher auch die vielen Vergewaltigungen? „Ja, im Grunde hat beides dieselbe Wurzel. Es passiert oft im Bekanntenkreis oder innerhalb der Familie, an Schwächeren, Abhängigen.“ Wie bei uns, wie überall. Lisa schnaubt: „Seit die furchtbare Geschichte in Indien durch die internationale Presse ging, ist hier eine Welle der Empörung ausgebrochen. ‚Wieso reden alle über Indien? Wir haben doch genau das gleiche Problem.‘ Und endlich trauen sich immer mehr Frauen, die Fälle anzuzeigen. Das Bewusstsein wächst. Vergewaltigung ist ein Gewaltverbrechen und gehört bestraft.“

Und dann gibt es ja noch die Sache mit diesem unangenehmen Aids. „Wieso ist das so ein Problem hier in Südafrika? Ich meine, subjektiv ist es hier schlimmer als überall auf der Welt“, frage ich zwischen zwei Löffeln Obstsalat. „Naja, genau weiß ich das auch nicht. Aber die Regierung hat lange Zeit kaum Geld für den Kampf gegen Aids ausgegeben. Das hat sich in den letzten fünf Jahren langsam gebessert. Inzwischen gibt es mehr Geld für Medikamente und Programme und es gibt erste Resultate. Aber das Problem ist noch lange nicht gelöst und wird es wohl auch nie sein. Männer hierzulande betrachten es zum Beispiel als ihr Recht, neben ihrer Ehefrau diverse Freundinnen zu haben, die Gesellschaft bestärkt sie darin. Und so infizieren sie alle, natürlich auch ihre Ehefrau. Diese Konstellation war hier jahrelang Standard.“

Der untreue Gatte als Todesbringer. Und was kann man dagegen machen? „Mütter könnten ihren Söhnen beibringen, Frauen zu respektieren. Zum Beispiel“, sagt Lisa und hebt kurz einen Mundwinkel, bevor sie wieder ernst wird. „Aids ist in erster Linie eine Verhaltensfrage. Die gebildeten weißen Schichten glauben, sie wären sicher und Aids sei ein Problem der Townships. Das ist es nicht. Und während es bei den Armen langsam besser wird, wird sich die Krankheit in den höheren Schichten weiter ausbreiten.“

Wie bei uns, denke ich, wo sich der Irrglaube breitmacht, Aids sei irgendwie voll 80er und im Grunde ja auch irgendwie behandelbar und Kondome sowieso unbequem. Mir bleibt ein Stück apfelharten Pfirsichs im Hals stecken. „Aids interessiert sich nicht für Herkunft, Bildung und Hautfarbe, weißt du?“ sagt Lisa in meinen Hustenanfall hinein.

Da ist der Virus den Menschen voraus. Obwohl ich mich dabei milde unbehaglich fühle, frage ich Lisa nach ihren persönlichen Erfahrungen mit Rassismus. Sie lacht kurz auf. „Wo soll ich denn da anfangen? Rassismus ist noch immer allgegenwärtig, besonders in Kapstadt. Wenn ich mit dir in ein Geschäft gehe, wirst du immer, immer, immer zuerst bedient werden. Ich gebe dir meine Hand drauf. Und das ist den meisten nicht mal bewusst. Aber der Unterschied ist: Wenn ich jetzt irgendwo schlecht behandelt werde, darf ich mich wehren. Das war früher unmöglich.“

Mit dem Löffel schabe ich matschige Papayareste aus der Schüssel. Gewalt, Armut, Aids – und was ist das Schöne an diesem Land? Lisa überlegt nicht lange: „Die Menschen. Sie sind lebensfroh, gastfreundlich. Sie geben einfach nicht auf. Sie haben so viel durchgemacht und sind trotzdem mehrheitlich in der Lage, ein fröhliches, erfülltes Leben zu führen. Trotz des Traumas der Apartheid. Sie lieben dieses Land und arbeiten hart, um Südafrika nach vorne zu bringen. Anders als in vielen anderen Ländern Afrikas leben alle Stämme hier mehr oder minder friedlich zusammen. Das wirst du erleben, wenn du hier rumreist.“ Sie lächelt.

Mir fallen die Worte von Joe, dem Taxifahrer wieder ein. Über Gemeinschaft und Zusammenhalt. Wie es kommt, fragte ich auch ihn beim Aussteigen, dass so großzügige, gastfreundliche Menschen mit einem so starken Sinn für Gemeinschaft so viel Gewalt ausüben: Vergewaltigungen, Mord, Totschlag.

„Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht. Ich schätze, es ist jeder einzelne, der in jedem Moment für sich die Entscheidung trifft, jetzt gerade gut oder schlecht zu sein.“

Es geht im Leben nicht um Schwarz oder Weiß. Sondern einzig um die Farben des Herzens.

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4 Kommentare

  1. Nicky sagt

    Ich lese nun schon eine Weile still und leise deinen wunderschönen Blog- und ich freue mich immer über die neuen Geschichten, die du erzählst! Wir waren Dezember 2011- Februar 2012 In Südafrika unterwegs, von Johannesburg nach Kapstadt. Mein Freund, unser damals vier Monate altes Baby und ich. Es war herrlich! Du wirst dich verlieben: In die Schönheit, die Weite, die Herzlichkeit… Ich freue mich auf weitere Berichte! Viele Grüße aus Berlin, Nicky

  2. Nicky sagt

    Ja, das wird mit Sicherheit noch! Und ich weiß, was du meinst, so erging es mir auch! Aber mit Cape Town haste einen guten Startort gewählt, Joburg ist nochmal… anders. Ach ja, Afrika hat mich verzaubert! Wie wirst du reisen, welche Route hast du dir überlegt? Ach, spannend!

  3. Thomas sagt

    Jep – Joburg ist tatsächlich noch mal ganz anders. Kapstadt ist da schon freundlicher, aber auch sehr sophisticated und auf Dauer nervt auch der ständige pretent-Modus.
    Wirst Du reisen? Garden-Route, hoch nach Knysa, P.E. und Durban? Noch mal anders.
    Klar, SA ist ja auch riesig.

    Und ich kann Deiner Bekannten absolut beipflichten: Die Leute sind wirklich toll. Dermaßen hilsbereit, offen, freundlich, positiv eingestellt! Bewunderswert.
    Ich hoffe, der Funke springt über.

    Mich hat er damals von eigentlich nur geplanten 3 Monaten zu einer längeren Verweildauer von 28 Monaten begleitet 🙂
    Hab eine schöne Zeit!

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