Reisen
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Township.

Township-Tour in Langa

Wenn ich bei dem Wort „Smiley“ von nun an immer an verbrannte Schafsköpfe denke, ist es Chippas Schuld. „Eine Delikatesse. Wir legen sie ins Feuer, damit das Fell abbrennt. Durch die Hitze verzieht sich die Haut zu einem Lächeln. Darum nennen wir sie Smileys“, sagt unser Township-Tourguide und wischt sich lächelnd ein paar Dreadlocks aus dem Gesicht. 

Schräg hinter ihm wirft eine Frau nacheinander gefrorene Schafsköpfe aus dem Fenster ihrer Baracke in den Sand und hört ob unserer verstörten Blicke nicht auf zu lachen. Ein Mädchen hebt die Schädel auf und schleppt sie an den kalten Ohren ein paar Meter weiter zu einer schwelenden Feuerstelle. Sie lächelt nicht. Sie sieht angewidert aus. So wie ich. Noch bevor ich meine Abscheu ausdrücken kann, sagt Chippa streng: „It’s part of our culture.“ Als sei Kultur über Kritik erhaben. Diese Township-Tour ist nichts für Sensibelchen.

Wortlos ziehen wir weiter durch die Straßen von Langa, der ältesten Township Kapstadts. Unser nächster Stop ist ein ehemaliges Männerwohnheim, gebaut in den frühen 1980ern für Arbeiter, die ihre Familien in den Dörfern lassen mussten. Inzwischen sind die Familien der Männer nachgezogen. Hier wohnen also 18 Menschen in drei Betten auf acht Quadratmetern. Tücher simulieren Restprivatsphäre. Wir, die vier Touristen, passen nicht alle gleichzeitig in die knallblau gestrichene Kammer. Also steht die Hälfte von uns in der Tür und glotzt auf die zwei Männer und eine Frau, die ebenfalls schweigend mit verschränkten Armen auf den Betten sitzen.

„Ihr müsst euch keine Gedanken machen, dass das eine Menschensafari sein könnte. Die Leute freuen sich, dass ihr euch für das Township-Leben interessiert“, höre ich Chippas beschwichtigende Stimme zu Tourbeginn sagen. Doch es fühlt sich in diesem Moment genau so an: Wie eine Menschensafari. Wir reagieren kollektiv automatisch und zücken unsere Kameras. Weil das hier alles so unfassbar ist, auch zwecks Distanz.

„Die Regierung wollte die Wohnheime umbauen, aber bisher ist nicht viel passiert“, erklärt Chippa von der Gemeinschaftsküche aus. „Die Lage in Langa ist schlecht. Über die Hälfte der Menschen hier ist arbeitslos.“ Die arbeitslosen Menschen hier in diesem Zimmer verstehen nicht, was er auf Englisch sagt, aber sie nicken würdevoll. Nur knapp ein Viertel der Einwohner Langas spricht Englisch – mangelnde Bildung. Staatliche Schulen kosten zwar nichts, aber Uniformen und Lernmaterial sind teuer. „Meine Eltern können nicht mal lesen und schreiben“, verrät Chippa, während wir die dunklen Räume beklommen verlassen. „Weil es nicht genug Bildung gibt, gibt es in ganz Südafrika fast keine Mittelklasse. Das ist unser größtes wirtschaftliches Problem.“

Die Frauen sind hier der Motor der Townships. Sie arbeiten – verkaufen Obst, handgemachten Schmuck, brauen Bier aus Mais oder verdingen sich in wohlhabenden Haushalten – damit ihre Kinder essen und vielleicht sogar in die Schule gehen können. „Die Männer sitzen in der Kneipe und trinken Bier“, sagt Chippa und in seinem Lachen schwingt ein „It’s our culture“ mit.

Heute ist Sonntag und deshalb gehen wir nicht in die Kneipe, sondern in die Kirche – ein unscheinbares Gebäude unweit der Langa Highschool. Der Gottesdienst ist in vollem Gange und eher ein Konzert: Auf der Bühne steht eine Band mit Schlagzeuger, Keyboarder, Gitarrist, fünf Sängerinnen und dem Prediger. Flankiert von zwei Leinwänden, auf die die Texte projiziert werden: Kirchenkaraoke. Zahlreiche Boxen verteilen den Sound in dem rechteckigen Raum, der die sakrale Ausstrahlung einer Schulaula hat. Aber er ist randvoll mit Gläubigen, die sich für ihr wöchentliches Date mit Jesus schick gemacht haben: Hut, Kleid, Anzug oder wenigstens Hemd. Und alle tanzen.

Kirchengang in Langa.

Wenn die Kirche zur Disco wird.

Der Gospel packt mich und es dauert keine drei Minuten bis ich – zeitlebens mehrfach vom Glauben abgefallen – auf das dreifache „HALLELUJA!“ bis in die Haarspitzen enthusiasmiert „AMEN!“ schreie und genauso wild tanze wie alle anderen. Musik macht glücklich und für diesen Moment vergesse ich Not, Elend und Schafsköpfe. Und ich merke: Genau darum geht’s hier. Einzig und allein darum. Amen.

Als wir nach einer halben Stunde musikalischer Seligkeit ins Auto einsteigen, erklärt Chippa uns, dass die Menschen in Langa trotz Christlichkeit an alten Riten festhalten. Wie der Initiation: Wenn Jungs 18 sind, werden sie beschnitten. Mit einem Speer. Und die Wunde muss von selbst heilen. „Wenn er einen Doktor braucht, ist er kein Mann. Keine Frau würde ihn wollen. It’s part of our culture.“ Chippa fingert an seinem Smartphone. Mir fällt ein, dass es afrikanische Familien geben soll, die Patenschaften für Europäer und Amerikaner übernehmen. Weil sie es bemitleidenswert finden, wie wenig Liebe und Familienzusammenhalt wir haben. That’s part of OUR culture. Das Motorengeräusch schluckt mein Bauchgrummeln.

Chippa deutet mit dem Daumen hinter sich. „Wir sind nur über eine Straße gefahren, aber die Menschen auf dieser Seite sprechen nicht dieselbe Sprache wie die da drüben.“ Wir sind jetzt in Bonteheuwel, einer „coloured“ Township. „Die Leute in Langa sind schwarz und sprechen Xhosa. Die Leute hier sehen aus wie Latinos und sprechen Afrikaans.“ Chippa klärt uns auch über den „Pencil-Test“ auf. Je nachdem, wie leicht ein Stift sich aus den Haaren der getesteten Person entfernen ließ, wurden dunkelhäutige Südafrikaner während der Apartheid in „black“ und „coloured“ eingeteilt. Ganze Familien wurden so auseinander gerissen und in unterschiedlichen Townships untergebracht – wie Langa und Bonteheuwel. Kriminalitäts-, Drogen- und Gangprobleme gebe es mehr in coloured Townships, meint Chippa, der selbst aus Langa kommt. Weil die Menschen dort nicht so eine starke Gemeinschaft hätten.

Die Gemeinschaft in schwarzen Townships wie Langa ist hingegen mitunter so „stark“, dass sie Lynchjustiz praktiziert.

„Wenn jemand ein schweres Verbrechen begeht und es nicht zur Anzeige kommt oder die Polizei den Täter nicht fassen kann, dann gibt es hier so 50 bis 200 Leute, die das selber regeln. Sie legen demjenigen einen Autoreifen um den Hals und zünden ihn an. Das nennt man ‚necklacing‘.“

Ein Kind spielt in Langa mit einem Autoreifen.

Spielzeug oder Mordinstrument – die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten eines Autoreifens machen, dass mir schlecht wird.

Momente später rollt ein Dreijähriger einen Autoreifen über die leere Straße. Er spielt. „Ja, mit so einem werden hier Menschen ‚necklaced‘.“ In diesem Moment will ich Chippa für diese reißerische Bemerkung schlagen. Mir ist ganzkörperflau und übel.

Ausgerechnet jetzt fahren wir zum Lunch in die Township Gugulethu, zu „Mzoli’s“. Seit Jamie Oliver hier das südafrikanische BBQ (nennt sich „Braai“) gefeiert hat, pilgern besonders am Wochenende einheimische Hipster und Touristen in die Township-Schlachterei und drücken sich bergeweise Wurst und Fleisch in den Hals, während DJs ihre Gehörgänge mit elektronischer Musik spülen. Die Schlange geht bis vor die Tourisouvenirstände auf der Straße. Aber Chippa regelt das für uns und so müssen wir nur eine halbe Stunde auf unser Essen warten. Zeit genug, meine Übelkeit zu verdrängen. Die Atmosphäre bei Mzoli’s ist ausgelassen, eine Touristin stülpt sich eine Sixpackverpackung als Mütze auf den Kopf. Mein Bauch grummelt noch, aber das liegt inzwischen an der fettigen Wurst. Schaf war nicht dabei. Zumindest nicht als Kopf.

Unsere letzte Station ist die Gefängnisinsel Robben Island. Chippa lässt uns an der V&A-Waterfront raus, gibt uns unsere Tickets und verabschiedet uns mit Handschlag. „Spread the word“, sagt er zum Abschied und ich weiß, ich werde darüber schreiben. Auf der Fähre schlafe ich die ganzen 45 Minuten durch. Robben Island verschwindet zwischen grauen Wolken und dichtem Nebel und so geht es mir auch mit der Besichtigung. Eine hypnotisch langweilige Busrundfahrt, Nelson Mandelas winzige Zelle und eine drückende, nasskalte Atmosphäre – mehr bleibt bei mir nicht hängen. Aber das wiegt genug.

Am Abend, als ich alle Fotos noch mal anschaue, fangen meine Hände plötzlich an zu zittern. Mein Herz flattert, mein Bauch kneift. Ich habe die Grenze des für mich emotional Erträglichen überschritten. Als ich das Netbook zuknalle, klingt Chippas Stimme in meinem Kopf. „This tour is going to change your life.“

It sure did. Ich weiß nur noch nicht, wie.

2 Comments

  1. Das ist aber bedrückend! Gut, dass Du darüber berichtest. Unglaublich, dass diese rassistische Apartheid erst seit so relativ kurzer Zeit vorbei ist. Wird sich das Land jemals davon erholen?

  2. Christiane Birkenheier says

    Ich hab auch vor ein paar Jahren so eine Township-Tour gemacht. Uns wurden verschiedene Projekte gezeigt wie ein B&B, ein Waisenhaus, ein Kindergarten, den eine Frau bei sich Zuhause eröffnete und einen Mann, der aus Getränkedosen Blumen fertigt, um sie zu verkaufen. Ich kam mir auch merkwürdig vor. Bei uns wurde auch der Spruch gesagt, dass die Leute froh sind, dass wir uns für sie interessieren. Trotzdem habe ich es nicht bereut, mir das mal angeschaut zu haben.
    Genieß deine Zeit in Südafrika. Falls du Gelegenheit hast, nach Namibia zu kommen, kann ich dir das Land nur ans Herz legen. Das lohnt sich auf jeden Fall.

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