Kleinkram
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Warten auf das Schicksal.

Warten

 

„Ich will noch nicht sterben“, flüstere ich gegen den Spiegel. „Ich muss doch noch schreiben. Und mich um meine Menschen kümmern. Und…“

Ich keuche. „Was willst du denn von mir, Leben? Ich bin doch schon dankbar für jeden Tag! Ich versuche doch, alles richtig zu machen! Was willst du von mir? WAS DENN?!“ 

Das Papiertuch fliegt in die Ecke. Die angstverzerrte Fratze da im Spiegel, das bin ich.

Zwei Wochen zuvor beim Nachsorgetermin, der gleiche wie jedes Vierteljahr, ist noch alles gut. Es ist der erste, zu dem ich durch den Hamburger Niesel schlendere und nicht schlurfe. Weil ich endlich so zufrieden bin mit meinem Leben. Angekommen.

Ich fühle mich erstmals ganz sicher, optimistisch und stark. Ich bin gesund.

Und dann schaut die Gynäkologin mit zusammengezogenen Augenbrauen zwischen meinen Beinen zu mir hoch und sagt über die Bauchnarbe hinweg: „Diese eine Stelle, die muss ich mir mal genauer anschauen.“ Meine Hände, eben noch locker auf den seitlichen Griffen, krallen sich fest. Ich kenne diesen Ton. Meine Ohren saugen jede Nuance ihrer Stimme auf, das ist so bei ehemaligen Krebspatienten. Sie hantiert mit XXL-Wattestäbchen und Glasplättchen. „Die Narbe ist da ein kleines bisschen dicker, da auf der Naht. Ich glaube nicht, dass das was Schlimmes ist. Wirklich nicht. Aber bei Ihnen will ich ganz sicher sein.“

Meine Knie zittern. Wie damals. So oft lag ich schon auf so einem Stuhl, nichts als die beiden Griffe zum festhalten. Die Zuversicht, die Sicherheit, das „Alles wird gut“ – weg. Und die Angst bohrt wieder ihren Eisfinger in mein Herz. Ich könne mich anziehen, sagt die Ärztin. Und: „Wir machen am Besten gleich einen Termin. Dann können wir, wenn das Ergebnis des Abstrichs nicht ganz klar sein sollte, direkt eine Knipsbiopsie machen.“

Knipsbiopsie. Nicht schon wieder. Neinneinnein.

„Kommen Sie in drei Wochen wieder, dann besprechen wir alles weitere.“

„Drei Wochen? Was zur Hölle! Wieso dauert das so lange? Kann man das nicht schneller…? Ich meine…“ Hätte ich Kraft zum wütend sein, meine Stimme würfe Flammen. So aber nuschele ich mit aschigen Lippen. Frau Doktor entschuldigt und erklärt sich und ich höre gar nicht hin. Der Autopilot übernimmt. Ein Teil von mir erkennt ihn wieder. Auf ihn kann ich mich verlassen. Meistens.

Nur jetzt, jetzt stecken wir in Turbulenzen. Ich versuche seit zwei Wochen, normal weiterzumachen und bin bei der Arbeit. In diesem Moment aber zähle ich Kacheln – ein Rat meiner Kollegin Katarina – und rede mit mir selbst. Ach, wie weinerlich Menschen mit Todesangst-Attacken sind, wie erbärmlich. Wie würdevoll hingegen die, die erhobenen Hauptes allem die Stirn bieten. Mein Kinn sinkt auf meine Brust. Ich atme aus und nicht mehr ein.

Diese Einsamkeit angesichts des inneren Entsetzens. Diese Unmöglichkeit, mit Menschen darüber zu sprechen. Sie können das nicht verstehen. In ihren Ach-wird-schon-nichts-Seins stecken heimliche Gott-sei-Dank-bin-ich-nicht-Drans. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Der Verlust der Sorglosigkeit ist unwiderruflich, ich kann nie mehr zurück auf die sichere Seite. Stattdessen fühle ich die Endlichkeit in jedem Knochen, wo andere dumpf und glückselig sind.

Und dann glimmt mitten in die sprudelnde Dunkelheit, die aus meinem Solarplexus strömt und mich ersticken will, ein kleines Licht. Ein Glühwürmchen setzt sich auf meine Schulter und flüstert in mein Ohr: „Noch nicht heute. Nicht. Heute.“

Die Finsternis zerfließt zäh. Ja. Nicht heute. Auch nicht morgen. Und alles andere werde ich sehen, wenn es soweit ist. Ich atme wieder ein. Tief.

Noch eine Woche.

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5 Kommentare

  1. Ich glaube, wer so etwas nie erlebt hat, kann es auch nicht nachempfinden. Mich würde es nicht mehr so hart treffen, da ich doch schon viel älter bin – Alles Gute und dass der Befund nicht das enthält, was befürchtet wird.

  2. Liebe J.
    Für die Woche der Ungewissheit wünsche ich dir ganz viel Kraft und gute Menschen, die dich umgeben. Und natürlich jede Menge Kacheln. Und Fliesen. Und Bier. Und Schokolade.

    Aber am meisten wünsche ich dir, dass diese angstvollen Wochen sich in Wohlgefallen auflösen werden und alles nur als ein schlecht inszenierter Scherz des Universums in deinem Bewusstsein zurückbleiben wird. Als falscher Alarm trotz lauter Sirenen.

    Ich weiß nicht, wie du dich fühlst oder was ich dir raten mag, welche Worte die Richtigen und welche Sätze die Passenden sein mögen.

    Aber eines weiß ich gewiss: Die Welt braucht dich noch und deine Worte! Fühl dich virtuell gedrückt. Gedrückten Daumens (sogar zwei): L.

    • Sie HABEN sich in Wohlgefallen aufgelöst! Also, vorerst. Aber wenn man es genau betrachtet, ist das ganze Leben ein „vorerst“. Ein Aufschub. Dein Kommentar hat mich sehr gefreut und mir ganz schön viel gegeben. Merci. ❤

  3. Zwischen Trotz und Tränen schwankend bewundere ich wieder einmal, wie Du Deine Gefühle in Worte fassen kannst.

    Du hast recht, Du musst noch schreiben und Du musst auch leben. Es gibt bestimmt Menschen, denen Du noch sehr viel mehr am Herzen liegst, als Deinen Blogfollowern. Aber ich wünsche mir sehr, wieder von Dir zu lesen – und dann darüber, wie Du gejubelt hast, weil es sich als Fehlalarm herausstellte.

    Ich drück Dich! Corinna

  4. Ich kann…verstehen…nachempfinden…leider…die Angst empfinden, und die Einsamkeit. Aber auch die Hoffnung spüren, dass es vielleicht etwas Belangloses ist. Die Chance ist mindestens genauso gross. Wenn nicht grösser. Von Herzen…

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