Reisen
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Erwartungen.

Feuerwerk

Diesmal gehe ich nicht an die Copacabana. Dabei bin ich deshalb nach Rio gekommen. Aber meine Freunde feiern hier im Hostel auf ihrer Dachterasse und sie sind mir wichtiger als knapp drei Millionen Fremde. 

Unsere kleine Party startet spät, aber direkt. Das eiskalte Bier fließt in Strömen und es ist auch abends noch so heiß, dass jede größere Bewegung einen Schweißausbruch verursacht. Trotzdem wird getanzt, natürlich. Wie jedes Jahr versucht Bruno, mir Samba beizubringen. Wie jedes Jahr scheitert er. Wie jedes Jahr ist das egal. Sein Schwiegervater beeindruckt Neuankömmlinge mit seinen Signature Dancemoves: Zwei Finger anlecken und damit vom Knöchel aus das Bein entlangfahren ist der Harmloseste. Ein australisches Pärchen steht halb verstört an der Bar. Auf dem Tisch daneben stapeln sich Köstlichkeiten, deren Namen ich mir weder merken, noch aussprechen kann. Selbstverständlich fehlt auch hier Huhnbohnenreis nicht und irgendwie macht mich das zufrieden.

Ich lege ein Tanzpäuschen ein und während meine Haut langsam trocknet, erinnere ich mich an die vergangenen Tage hier in Rio.

An meinen ersten Abend hier, der mit einer Blockparty in der Straße startet. Dosenbier und ein britischer Jack-Sparrow-Verschnitt namens Taurus, der mir von einer pilzinduzierten Begegnung mit seinem Navajo-Ich berichtet, eine Familien-Trommelband und Live-Samba und mittendrin eine gespensterweiße Gringa*, die zwar kaum Portugiesisch spricht, aber ganze Lieder auswendig mitsingen kann, unermüdlich hüpft und den Gesichtsausdrücken nach zu urteilen allen merkwürdig bekannt vorkommt (*ich).

An den goldbeketteten, volltätowierten Gangster am Strand, der nie ohne grimmiges Gesicht und Joint ins Wasser geht und dann einem argentinischen Vierjährigen unermüdlich mit seiner Sandburg hilft.

An Tia Rosa, die mich nach einem einzigen Besuch in ihrem winzigen Restaurant schon beim Namen kennt und aus Gründen glaubt, ich spräche Portugiesisch ( was – nur, weil ich Essen und ein Bier bestellen und mich nach dem Befinden erkundigen kann – quasi wirklich nicht der Fall ist).

An die gelangweilten Teenies am Strand, die eine Art Bong aus einem Bierhelm basteln und den Jungen mit der Zahnspange, der dem Mädchen mit den roten Haar- und dem Joint zwischen den Fingerspitzen immer wieder zauberhaft sehnsüchtige Blicke zuwirft. Und wie das niemand außer mir zu bemerken scheint.

An den brausenden Jubel, als nach dem stundenlangen Stromausfall das Licht am Berg wieder angeht.

An den Sambista im Minibus mit der Cavaquinho im Rucksack, der ganz allein einen melancholischen Song im Radio so herzzerreißend mitsingt, dass sich plötzlich Tränen in meinen Schweiß mischen.

„Jéssica, nur noch drei Minuten bis Mitternacht“, ruft Fernanda und ich reihe mich neben allen anderen an der Brüstung auf. Und dann ist es soweit. 2016 ist da. „Feliz ano novo!“ und alle liegen sich in den Armen und drücken ihre schwitzigen Wangen aneinander.  Ich beuge mich vor und versuche, einen Blick auf das spektakuläre Feuerwerk an der Copacabana zu werfen. Doch seit die Nachbarn ihr Haus im Laufe des vergangenen Jahres kurzerhand um vier Stockwerke ergänzt haben, sieht man von hier aus nur noch die Hälfte. Dumpfe Enttäuschung wallt in mir auf. Bin ich nicht deshalb schon im Dezember hier her gekommen? Wegen des magischen Feuerwerks, der Schönheit und Einzigartigkeit des Moments? Wegen der silbernen Glitzerzungen, die auf meine Nasenspitze zu taumeln?

Neben uns auf dem Dach stehen besagte Nachbarn und jagen Billigraketen in die Luft, die unkoordiniert  aufleuchten und halbherzig verpuffen. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich lehne mich rücklings an die Balustrade, mein Blick gleitet vom soliden dunkelgrauen Berg hinter uns auf die Sterne. Mit dem Kopf im Nacken verharre ich im Augenblick.

Und dann sehe ich es plötzlich – das schüchterne Feuerwerk über mir.

Die Sterne im grauglühenden Himmel blitzen, vereinzelte silberne Ascheflocken strudeln schimmernd auf mich zu. Ich fühle sowas wie Glück. Und die Wahrheit, dass erst und einzig der eigene Blick auf die Dinge sie schön oder hässlich aussehen lässt. Dankbarkeit, viel davon. Ich habe keine Ahnung, was dieses Jahr bringt und meine Erfahrungen mit den vergangenen acht haben mich vorsichtig misstrauisch werden lassen. Also flüstere ich nur drei kleine Wünsche in die Sterne über Rio de Janeiro: „2016, bitte sei lieb und friedlich. Was auch immer passieren mag: Mach, dass ich es bewältigen kann. Und bring mich hierher zurück.“

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