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Die Stimme in meinem Kopf

Igreja de Santo Antonio

Ob der Mann weiß, was er auslöst?

Ich bin gerade in Rios Stadtzentrum aus der Kapelle eines alten Klosters ins Tageslicht zurückgetreten, ich muss blinzeln, es ist so hell. Auf den Stufen ist mir ein Mann entgegengekommen, rosa T-Shirt, Shorts, Handy am Ohr. Ein Teil von mir hat gemerkt, dass er mich eindringlich angesehen hat. Ein paar Sekunden lang. „Das kann nicht sein, das bildest du dir bestimmt ein“, hat die Stimme in meinem Kopf gesagt, wie sie es jedes Mal sagt, wenn mich ein Fremder lange und intensiv anstarrt. Ich höre sie kaum noch.

Danach bin ich über die Aussichtsterrasse geschlendert, um ein paar Fotos zu machen. Da stehe ich nun, die Mittagssonne kommt kurz raus und kitzelt meine Nase und ich muss lächeln, weil es so schön ist. Als ich mich umdrehe, steht noch jemand anders da. Der Mann im rosa T-Shirt. In einer Ecke. Und glotzt mich an. Außer uns ist keiner hier und die Stimme in meinem Kopf sagt: „Der wartet hier bestimmt nur auf jemanden. Sei nicht albern.“

Ich beschließe, dass ich nun genug Fotos habe und lieber gehen möchte, obwohl ich eigentlich gern noch kurz geblieben wäre. Ich verstaue die Kamera umständlich ganz unten in meiner Tasche und als ich wieder aufschaue, ist er weg. „Siehste? Hast du dir nur eingebildet. Alles gut“, sagt die Stimme. Erleichtert stapfe ich die lange Treppe herunter. Als ich um die Ecke komme, ist er wieder da. „Das ist bestimmt nur Zufall, der trifft sich hier sicher mit jemanden“, sagt die Stimme in meinem Kopf, „schließlich telefoniert er grad mit seinem Handy und…“ „Hey, beautiful Lady“, sagt der Mann im rosa T-Shirt, der eigentlich grad telefoniert und lächelt nicht. „Are you Brazilian? Where you from?“

Wie reagiere ich jetzt? Wenn ich nichts sage, wird er vielleicht sauer und nervig und wenn ich was sage, dann begreift er es vielleicht als Einladung und wird auch nervig. Aber genau genommen ist er jetzt schon sehr nervig. Ich beschließe in Sekundenschnelle: Ein knappes, leicht gequältes Lächeln und ein sehr entschlossenes, geschäftiges Vorbeigehen sollten reichen. Das reicht meistens.

Aber er kommt mir nach. Und das ist definitiv keine Einbildung. „Can I help you?“ Ich sage „No, thank you“, schüttele den Kopf und versuche, meine Schritte nicht zu beschleunigen, um ihn nicht zu bestätigen. Am besten gar nicht drum kümmern, einfach weitergehen. Alles wie immer, man kennt das ja. „Let me help you! Please!“ Er klingt so gar nicht bittend. Sondern fordernd.

Ich erreiche den Platz – hier sind Menschen, das ist gut – und gehe zielstrebig irgendwohin. Ich blicke schräg über meine Schulter und er geht weiter hinter mir her. Okay. Was zur Hölle. Da ist eine Ampel. Er steht hinter mir, ich spüre seine Blicke in meinem Rücken. Was will der denn nur? Freak. Vor mir ist eine Citibank und ich wollte doch vielleicht ohnehin noch Geld abheben und…

Dann stehe ich im eiskalten Eingangsbereich der Bank und eine nette junge Dame im Hosenanzug fragt, wie sie mir helfen könne. Ich sage: „Actually, I just came in here because there was this creepy guy and he kind of followed me and now… I know, it sounds silly, but… I don’t know.“
Sie lächelt mich an und sagt: „Don’t worry, you’re safe. This happens all the time, really, all the time. Stay as long as you like, there’s coffee and water in the back if you like. Just relax.“

Ich bin sehr dankbar und bleibe 20 Minuten. Als ich gehe, ist er weg. Es ist nichts passiert und es war halt einfach sehr nervig, aber es dauert trotzdem eine halbe Stunde, bis ich mich nicht mehr umschaue und die Stimme in meinem Kopf nur noch einen Satz sagt:

This happens all the time.

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