Reisen
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Ansteckend.

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Der alte Mann schlurft durch den Sand, seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. „Biscoitos. Biscoitos Globo. Biscoitos.“ Ich kenne seine Geschichte nicht, aber sie hat ihn ein Stück weit gebeugt. Auf seinem Hemdsärmel sind getrocknete Blutflecken, auf der rechten Schläfe hat er einen blauen Fleck. Ob er gestürzt ist? Seine zu große Hose ist ausgefranst und seine Füße sind wund und knorrig. Der Mann ist bestimmt weit über 70 – und er verkauft Kekse am Strand von Ipanema. Mein Herz zieht sich zusammen, ich denke an Oma und Opa und wie gut wir es doch haben bei uns in Deutschland. Dort würde er vermutlich ignoriert, bestenfalls, mit mitleidigen oder angeekelten Blicken beworfen, mindestens.

Nicht in Rio. Eine Mutter steht auf und kauft ihm zwei Pakete Kekse ab. Wenige Meter weiter eine Gruppe Jugendlicher, danach ein mittelalter Mann mit verspiegelter Sonnenbrille. Vollkommen selbstverständlich. Und auch ich löse mich aus der Haltung der Beobachterin und nehme ein Päckchen – obwohl es die einzigen Kekse der Welt sind, die ich wirklich widerlich finde. In seinen von Sonne und Leben zerrunzelten Augen flackert ein Lächeln.

Doch das ist während meiner vier Wochen hier nicht der einzige Fall allgemeiner Hilfsbereitschaft.

Ein Junge, noch keine 6, verkauft Kaugummis an Menschen im Straßencafé. Statt ihn als Belästigung für zahlende Gäste davon zu jagen, streicht ihm der Kellner im Vorbeigehen kurz über den Kopf und lässt ihn gewähren.

Ein Geschäftsmann hilft mir, als ich in Rios Innenstadt minutenlang verwirrt in meinen Stadtplan starre und begleitet mich sogar kurz bis an den Ort, weil das schneller geht als eine Erklärung auf Portugiesisch. Zum Abschied gibt er mir die Hand und wünscht mir noch eine tolle Zeit in seiner Stadt.

In öffentlichen Verkehrsmitteln steht man ganz selbstverständlich auf für Alte, Kranke, Schwangere. Im vollen Bus bietet mir eine Frau an, meine Tasche auf ihren Schoß zu nehmen, bis ich aussteigen muss. Das ist hier relativ üblich und keine große Sache.

Für mich schon. Denn ich wäre wahrscheinlich nicht im Traum darauf gekommen, das gleiche zu tun. Und das führt mich zu der Frage: Wann und warum haben wir in Deutschland als Gesellschaft das eigentlich verlernt, freundlich und hilfsbereit sein als Grundhaltung? Die Welt wäre für alle ein sehr viel besserer Ort, würden wir einfach „nett“ als Default-Setting einstellen.

Ich nehme mir vor, künftig mit gutem Beispiel voranzugehen. Denn eins haben die Brasilianer mir gezeigt: Freundlichkeit ist hochgradig ansteckend.

5 Comments

  1. Vielen Dank für diesen schönen Text!
    Hier passiert es, dass man schon schräg angeschaut wird, wenn man beim Betreten oder Verlassen eines Geschäfts den Nachfolgenden die Tür aufhält. Aber es hilft. Freundlichkeit als Offensive gegen schlechtgelaunte Menschen. Hilfsbereitschaft, obwohl man selbst gerade Hilfe gebrauchen könnte. Zumindest meine ich, in mir selbst mehr Zufriedenheit zu spüren, seitdem ich das so handhabe.

  2. Kristina says

    Vielen Dank für den schönen Text! Ich sehe das genauso und auch das Gefühl, wenn sich das Herz in solchen Momenten zusammenzieht, kenne ich sehr gut. Ich versuche in meinem Alltag, das „Nettsein“ zu kultivieren – es gelingt nicht immer, aber wenn man den Tag für einen völlig Fremden durch eine kleine Geste etwas besser machen kann, ist das ein schöner und ermutigender Moment.

  3. Małgosia Okołów says

    Mir ist das allerdings auch aufgefallen. Ich bin gebürtige Polin und studiere derzeit in Deutschland. Bei uns geht man in der öffentlichkeit miteinander einfach anders um. Dass Männer Frauen die Tür auf halten, den Sitzplatz anbieten und mit dem Mantel helfen – ist eine Selbstverständlichkeit. Ich habe in der Tram auch mehrmals beobachten können, wie den älteren Menschen nur selten der Sitzplatz angeboten wird usw. Bei uns tragen ältere Leute nicht mal ihre kleinsten Einkäufe selbst – es findet sich schon immer jemand, der ihnen dabei hilft. Das zwischen Frauen und Männern mag sich auch Emanzipation nennen, aber alles Andere…?

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