Briefe an Omi
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Brief an Omi Nr. 1: die Beerdigung

Oma

Liebe Omi,

du bist jetzt seit genau zwei Wochen tot und es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht mindestens dreimal das Bedürfnis hatte, dich anzurufen und dir von irgendetwas zu erzählen. Nur, weil du tot bist, höre ich noch lange nicht auf, dich zu lieben, an dich zu denken und lauter Dinge zu erleben, sehen und zu hören, die dich interessiert oder zum Lachen oder Staunen gebracht hätten.

Darum schreibe ich das jetzt immer wöchentlich auf. Als Zeichen dafür, dass du nicht vergessen bist und in meinem Herzen weiterlebst.

Also.

Am vergangen Donnerstag war deine Beerdigung, die hätte dir wirklich gefallen. Die Sonne schien, der Blumenschmuck aus pinkfarbenen Nelken und blauen Iris war prachtvoll und wunderschön – genau so, wie du es dir gewünscht hast (gut, dass wir vorher drüber gesprochen haben). Die gesamte übrig gebliebene Familie war da, sehr elegant gekleidet und äußerst gesittet. Sie hatten dich alle wirklich lieb, Omi. Auch die Rede war berührend, ergreifend und wurde dir gerecht. Eine der Großkusinen urteilte „Genau so, wie sie wirklich war!“ Ich hatte Stichpunkte für die Rede einigermaßen detailliert vorbereitet und dich ja schon vor Monaten bezüglich aller möglichen Details aus deiner Kindheit und Jugend ausgequetscht. Sie hätte dir zugesagt, Omi. Oder um es in deinen Worten zu sagen: Sie war tadellos.

Opi war sehr tapfer und sah echt gut aus mit seiner schwarzen Anzughose, dem weißen Hemd und der schwarzen Krawatte. Als ich ihm dazu ein Kompliment machte, lautete sein Kommentar: „Ich weiß.“ Leider ist ein bisschen Möhrenpüree vom Mittagessen drauf getropft, aber das habe ich schnell weggewischt und dann ging’s. Er hat auch fast gar nicht geweint, anders als meine Schwester und ich. Als dein Sarg von den Trägern hochgehoben wurde, habe ich mich kurz komplett vergessen und ein paar Mal „Nein, Omi – nicht weggehen“ gerufen und als ich Opa auf dem Weg zum Grab hinter dir hergeschoben habe, sind meine Tränen auf seinen Hut getropft, er hat es aber nicht gemerkt.

Er war nämlich zu beschäftigt mit meckern.
„Warum sind hier denn so viele Gräber?“, fragte er mürrisch.
„Weil das ein Friedhof ist, Opi“, sagte ich.
„Ja, aber so viele?“
„Die Menschen sterben eben wie die Fliegen, Opi.“
Dann motzte er: „Ist es noch weit? Wieso ist das denn so weit?“
„Keine Sorge, Opi, du musst ja nicht laufen.“
„Kann ich ja auch gar nicht mehr.“
Als Mama kurz das Schieben übernahm, ranzte er sie an: „Nicht so dicht auffahren!“

Wir mussten für einen Moment tatsächlich unter Tränen so was wie lachen.

Irgendwann fragte er: „Und wo genau liegen wir?“

Wir, Omi. Er hat „wir“ gesagt. Ach, ach.

Dann haben Mama, meine Schwester und ich „Es scheint der Mond so hell“ gesungen, das war schön. Und sehr, sehr traurig. Die letzte Strophe haben wir verkackt, weil wir den Text nicht auswendig kannten. Aber das war nicht so schlimm, wir fühlten uns dir in dem Moment sehr nah, auch einander. Als dich die Träger in die Erde gelassen haben, war das für mich der schlimmste Moment. Doch dann hat Opi seine rote Rose mit so viel Schwung hinterhergeworfen, das hätte ich ihm gar nicht zugetraut, und ich musste wieder ein bisschen lächeln.

Kaffee und Kuchen anschließend war so mittel. Erst haben die den Aperitif vergessen, dann hat es ewig gedauert, bis Kaffee und Schnittchen auf den Tisch kamen, die dann leider auch ein wenig trocken waren, genau wie der Butterkuchen. Und dann hat Opa mittendrin gesagt: „Was soll das alles hier? Eine Würstchenbude hätte doch gereicht!“ Oh, Omi – ich höre dich grad so laut lachen! Dafür hat er aber ordentlich reingehauen: zweimal Mett, einmal Käse, einmal Ei und zwei Stücke Butterkuchen. Ich habe ihm das alles kleingemacht und die Rinde abgepult und wehe, ich war nicht schnell genug mit Füttern, dann hat er mich mit dem Ellenbogen angepufft und den Mund aufgesperrt. Der Opa!

Ich habe ihn dann zurück ins Heim begleitet und da ist er dann sofort eingeschlafen, so fertig war er. Ging mir aber genauso später im IC nach Berlin. Es war anstrengend, aber ein würdevoller, schöner, guter Abschied.

Du fehlst so sehr.

Okay, Omi. Das war’s erst mal. Ich hoffe, es geht dir gut und melde mich nächste Woche wieder.

Deine Jessi

13 Comments

  1. Liebe Jessi,

    …. so rührend! Meine Omi ist auch vor ein paar Wochen gestorben und ich kann fühlen was Du beim Schreiben gefühlt hast. Auch wenn wir uns nicht kennen – sei herzlich gedrückt! Es ist ein riesiges Geschenk eine solche Omi gehabt zu haben und sie weiter im Herzen tragen zu dürfen.

    Liebe Grüße von einer sich sehr geliebt fühlenden Enkelin

  2. Susanne says

    Also so etwas nettes, rührendes, trauriges hab ich lange nicht gelesen (wo auch, ist ja von Ihnen ganz persönlich), ich musste grad ein bisschen weinen und….sorry….auch grinsen
    Danke, dass Sie Ihre Gedanken teilen 👍🏽

  3. Wunderschön. Danke für diese Worte.
    Alles so nah und ach, die Jungkatzen-Postkarten-Schreiberin sitzt oder liegt gerade sicher auf der allerschönsten dicken Herbstwolke unter der Sonne und schmunzelt und freut sich.
    (<3), Nina

  4. Was für ein berührend schöner Brief. Weinen und lachen können manchmal so nah beieinander liegen. Beim Lesen wurden sie gerade fast eins. Danke, dass du das hier teilst.

  5. Pingback: Brief an Omi Nr. 2: Opi ist so traurig | Jessyfromtheblog

  6. Claudia says

    Und Butterkuchen. Butterkuchen MUSS man bei einer Beerdigung essen. Butterkuchen hilft. xx

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