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Was wir vom Tod lernen können

Der Tod gehört zum Leben. Aber er tut weh. Wie gehen wir damit um, wenn geliebte Menschen sehr krank sind und in absehbarer Zeit sterben? 

„Wenn ich ganz sicher wüsste, dass es nicht wehtut: Ich hätte keine Lust mehr.“ Meine Oma guckt mich aus tiefen Augenhöhlen an. Sie ist 83 Jahre alt, sie hat Schmerzen. Es gibt bessere und schlechtere Tage. Heute ist einer von den schlechteren. „Wie das wohl wird? Ist ja bisher noch niemand zurückgekommen, um es uns zu erzählen.“

Auch Opa, 86, denkt in jüngster Zeit vermehrt über das Sterben nach. „Ich habe Angst, einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen“, sagt er mit starren Gesichtszügen.

„Ach, Opi – guck doch mal auf dein Leben zurück. Du hast den Krieg überlebt und aus dem Nichts eine Familie und ein Leben aufgebaut. Du bist viel rumgefahren. Du hast Kinder und Enkelkinder großgezogen, immer deine Steuern pünktlich bezahlt und einmal sogar fünf Richtige im Lotto gehabt. Das ist doch was! Du hattest ein erfülltes Leben, du brauchst keine Angst zu haben“, sage ich und fühle mich leer.

Mir fehlen die Worte

Doch was sonst soll man in so einer Situation sagen? Ich weiß ja selber auch nicht, was danach kommt. Ob danach überhaupt irgendwas kommt. Aber ich weiß: Ich kann meine Großeltern auf keinen Fall in Angst gehen lassen.

Ich spreche mit meiner guten Freundin Alua Arthur. Sie ist Sterbebegleiterin, „Death Midwife“, in Los Angeles. „Ja, nach allem, was ich weiß und erlebt habe, ist Sterben wahrscheinlich schmerzhaft – so ähnlich, wie eine Geburt auch schmerzhaft ist“, sagt sie. Es sei eben ein Übergang. „Zum Glück gibt es Medikamente, die dabei helfen. Die Palliativpflege hat sich darauf spezialisiert.“

Den Sterbeprozess, der natürlich sehr individuell ist, beschreibt Alua so: „Wir verlieren nach und nach die Kontrolle über den Körper, auf den wir uns ein Leben lang verlassen konnten. Wir verlieren auch das Gefühl für Raum und Zeit. Das Atmen wird immer schwerer, bis wir es irgendwann nicht mehr schaffen. Das ist der Moment, in dem wir sterben.“

„Noch ist es nicht soweit“

Ich denke daran, wie Oma am Telefon japst und pfeift, weil ihr Herz so schwach und ihre Lunge so voller Wasser ist. „Noch ist es nicht soweit, mein Kind!“ sagt sie immer. Nein, noch nicht. Trotzdem ist es eine Frage der Zeit, wie bei uns allen. Aber wie kann ich ihr die Angst nehmen, wenn es soweit sein wird? „Die kann man niemandem nehmen“, sagt Alua und erzählt von ihrer täglichen Arbeit: „Aber ich tue mein Bestes, Menschen beim Planen zu helfen und bei der Frage, wie sie ihre letzten Tage gern hätten. Wenn ich bei einem sterbenden Menschen bin, habe ich nur eine Aufgabe: Sagen, dass alles okay ist und dass er oder sie es vollkommen richtig macht.“

Warum haben wir überhaupt so große Angst vor dem Sterben? „Menschen fürchten den Tod aus vielen Gründen. Weil er eine große Unbekannte ist. Weil sie Angst haben, dass danach nichts mehr kommt und sie keinen starken Glauben an ein Leben danach haben. Weil sie sich vor Schmerzen fürchten und vor dem fortschreitenden Verfall ihres Körpers. Sie haben Angst, allein zu sterben. Sie haben Angst, die Kontrolle über ihre Entscheidungen zu verlieren. Und viele haben Angst zu sterben, weil sie ihre Familie und geliebte Menschen nicht zurücklassen wollen. Ich denke, die größte Angst vor dem Tod kommt daher, dass Menschen das Gefühl haben, sie hätten nie wirklich gelebt. Sie haben Angst zu sterben, weil ihre Leben unfertig sind.“

Und ich nehme mir einmal mehr vor, nichts unerledigt zu lassen. Oder weniger.

Loslassen hilft

Was es laut Alua am Schwersten macht, ist das Festhalten: „Die Menschen, die beim Sterben leiden, sind die, die es nicht akzeptieren. Loslassen kann verschiedene Formen haben, einschließlich der Vorbereitung auf das Sterben – zum Beispiel, in dem man seine Angelegenheiten regelt, mit geliebten Menschen über das Sterben redet.“ Sie macht eine Pause. „Loslassen ist wirklich das Einzige, das es einfacher macht. Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass es passiert und es zu akzeptieren.“

Was danach kommt, kann sie logischerweise auch nicht sagen. Aber sie sagt etwas anderes sehr Wichtiges. „Ich glaube, der Himmel existiert auf der Erde. Er ist in den Blumen, im Wind, im Kinderlachen, in der Fähigkeit zu lieben, im Geschmack frisch gepressten Orangensaftes und der Existenz von Regenbögen.“ Wie Recht sie hat. Persönlich glaubt Alua an die Wiedersehens-Theorie: „Ich denke, nach dem Tod werden wir mit unseren Lieben vereint.“

Und ich begreife: Genau darum geht’s bei all den Vorstellungen von Wiedergeburt, Paradies, Himmel & Co.: Dass wir weniger ängstlich sind und besser loslassen können.

Im Himmel gibt’s Schnaps und Zigaretten

Also male ich beim nächsten Mal für Oma und Opa ein Bild mit Worten. Eins, das ihnen gefallen wird, ganz nach ihren Vorstellungen: „Ich glaube, im Himmel sieht es aus wie bei uns im alten Garten im Sommer. Die Obstbäume blühen, das Gras ist vorne frisch gemäht und hinten kniehoch. Am großen Tisch sind alle versammelt, Oma: Dein Sohn, der vergangenes Jahr gestorben ist, dein kleiner Bruder, deine Eltern, deine Schwester und die anderen Brüder. Deine geliebte Cousine Christel, die du vor über 70 Jahren bei dem Unfall verloren hast und seitdem schrecklich vermisst. Alle werden da sein und auf dich warten, Oma. Im Hintergrund dudelt das Radio und Lampions leuchten. Auf dem Tisch steht nur Lieblingsessen. Überall Eis. Auch Bier und Likörchen, aber keiner wird wirklich betrunken. Und auf deinem Platz, Omi, liegt eine Schachtel Lux, die niemals leer wird.“

Sie kichert. Vor ihrem Herzinfarkt 2005 hat Oma jahrzehntelang gepafft. Doch seit jenem Tag hat sie keine Zigarette mehr angerührt und behauptet, sie würden stinken „wie getrocknete Hühnerscheiße“. Dann fragt sie: „Meinst du wirklich?“
„Ja, Omi. Ich bin mir ziemlich sicher.“ In diesem Moment bin ich das. „Und dann“, sage ich, „dann kommt der Opa in den Himmel – und dreht die Sicherung raus, weil die Party vorbei ist und er seine Ruhe haben will!“ Dann lachen wir zusammen. Denn genau das hat Opa wirklich manchmal gemacht früher. „Na, wenn das so ist“, sagt Oma verschwörerisch, „dann habe ich nicht mehr solche Angst.“

Die wichtigste Lektion des Todes

Nur ich, ich fürchte mich immer noch. Vor der Trauer und dem Schmerz. Vor der Leere. Wie soll ich damit umgehen, wenn Oma und Opa tot und für immer weg sind? „Einen Tag nach dem anderen. Jeder Weg ist okay. Einfach nur ein Tag nach dem anderen.“ Der Tod gehöre zum Leben, sagt Alua, und sei ein guter Lehrer. „Wir können nicht wissen, was Freude ist, wenn uns Sorgen unbekannt sind. Wir können den Sonnenschein nicht wertschätzen, wenn es keinen Regen gibt. Der Tod lehrt uns zu leben. Er kann alles sofort in die richtige Perspektive rücken. Wenn man wüsste, dass man in einem Monat stirbt – wie würden sich die Prioritäten verändern?“

Eine verdammt gute Frage.


Dieser Text erschien zuerst auf ze.tt

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