Briefe an Omi
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Brief an Omi, Nr. 8: Der Wahnsinn bricht aus

Oma

Liebe Omi,

heute bist du seit genau neun Wochen tot und ich wünsche mir wie Hölle, dass du wieder lebst und meine Hand hältst, wenn ich Angst habe. Und Angst habe ich ziemlich oft in letzter Zeit. Jedenfalls kann mich aber so was wie der Tod nicht davon abhalten, dir jede in der Woche zu schreiben, was passiert ist.

Also.

Die Amerikaner haben einen neuen Präsidenten gewählt: Donald Trump. Ja, Oma – den „Idioten“. Sie haben es tatsächlich getan. Was genau das für die Welt bedeutet, kann noch keiner absehen. Nur gut wird es ganz sicher nicht werden. Ich denke an deine Worte, wenn ich dich als Kind gefragt habe, was du dir am meisten auf der Welt wünschst: „Nie wieder Krieg“, hast du gesagt. Jedes Mal. Wie zerbrechlich Frieden, Bürgerrechte, Zivilisation sein können – ich fange gerade an, es zu ahnen.

Aber nicht nur der Welt, auch Opi geht es nicht gut. Zwar hat er in der Woche noch bei der Luftballon-Gymnastik mitgemacht, aber als ich ihn am Wochenende besuchte, lag er die meiste Zeit da und blickte apathisch ins Nichts. Nicht mal über meine grünen Haare hat er geschimpft – ein schlechtes Zeichen. Er sprach kaum und wenn, dann konnte ich ihn nur schwer verstehen. Appetit hatte er durchaus, aber am Sonntag konnte er plötzlich nicht mehr richtig kauen und schlucken.

Dann konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und habe einfach geweint. Erst an seiner spitzen Schulter, dann draußen vor der Tür.

Was soll das nur weitergehen, Omi? Mit Opa und der Welt und allem? Vielleicht ist es ganz schlau von dir gewesen, dass du dich rechtzeitig aus dem Staub gemacht hast…

Jedenfalls ist Opi jetzt nach dem Wochenende inzwischen wieder ein kleines bisschen mehr auf Zack.

Ach, Omilein – du fehlst mir so. Ich wünschte, ich könnte mir dir über all das reden. So ganz real und nicht nur in meinem Kopf. Wir haben immer über alles gesprochen; du hast mir mit Rat, Tat und rustikalen Witzen zur Seite gestanden und mir so manches Mal das schwere Herz leichter gemacht. Und das einzige, was ich noch tun kann, ist, diese Briefe zu schreiben und mit dir zu sprechen, als wärest du hier. Auch, wenn du ganz weit weg bist.

Mir geht es bis auf Erschöpfung und den Schlafmangel sonst einigermaßen okay. Bindehautentzündung und Erkältung habe ich ausgestanden. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass du es schön hast – wo auch immer du jetzt bist. Vielleicht zusammen mit Leonard Cohen, den mochtest du doch so. Also dann Omi, bis nächste Woche.

Deine Jessi


[Lest auch Brief an Omi, Nr. 7: Mir graut vor Weihnachten]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 6: Was mach‘ ich nur mit Opi?]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 5: Du bist immer bei mir]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 4: Ohne dich ist alles doof]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 3: Was heißt eigentlich „tot“?]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 2: Opi ist so traurig]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 1: die Beerdigung]


 

Wir geben Opa nicht ins Heim

© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.

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