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Wieso gucken alle komisch, wenn man allein unterwegs ist?

Tagelang ohne eine andere Menschenseele zu Hause einschließen? Kein Problem. Doch sobald jemand freiwillig ganz allein Dinge in der Öffentlichkeit unternimmt, wirkt’s komisch. Warum eigentlich?

Mein erstes Mal war am 6. Dezember. Ich weiß das, weil ich einen Schokonikolaus dabei hatte, als mein Liebeskummer und ich ins Kino gingen. Allein.

Es fühlte sich merkwürdig an, wie ein zu kurzer Pulli.

Als ich mich durch die Sitzreihen zu meinem Platz schlängelte und mich hinsetzte, meinte ich, die Blicke sämtlicher anderer Zuschauer auf mich zu ziehen – nur durch die Tatsache, dass ich ohne Freund*in ins Kino ging. Bis dahin war ich ausschließlich zu zweit oder in Gruppen und Grüppchen unterwegs gewesen. Ich wand mich auf meinem Sitz hin und her und atmete auf, als schließlich das Licht ausging.

Keine Freunde?

Und ich wunderte mich, auch über mich selbst: Weshalb werden wir stutzig, wenn Menschen Dinge ohne Begleitung unternehmen? Niemand hat schließlich ein Problem damit, wenn sich Freund*innen tagelang bei Büchern, Netflix und Pizza zu Hause vergraben. Das Alleinsein an sich, das Sich-Aushalten-Können, wird heutzutage als wichtige Fähigkeit betrachtet. Und zwar zu Recht.

Doch sobald jemand allein ins Kino, in ein Restaurant, auf eine Party oder gar eine Reise geht, fragen wir uns: Hat diese Person keine Freund*innen? Ist er*sie sozialunverträglich oder riecht eventuell komisch?

Einzelgänger*innen haftet häufig der Makel der Merkwürdigkeit an. Möglicherweise, weil wir Menschen uns seit jeher in Sozialverbänden organisieren. Jemand, der ohne Begleitung ist, könnte von seiner Bezugsgruppe „ausgestoßen“ worden sein – aus Gründen. Das macht unter Umständen misstrauisch. Und ist in unserer Zeit natürlich Quatsch.

[Außerdem bei ze.tt: 17 Zeichen, dass du lieber Single bleiben solltest]

Allein auf Reisen

Das latent komische Gefühl beim gelegentlichen Alleinsein änderte sich zumindest bei mir deutlich, als ich nach langer Krankheit allein auf eine Weltreise ging. Es hatte schlicht niemand anders ein halbes Jahr Zeit, um mit mir um den Globus zu fliegen. Und ich für meinen Teil hatte keine Lust auf Kompromisse.

Also war ich allein in New York, New Orleans, Rio de Janeiro und Kapstadt – alles durchaus nicht ungefährliche Städte (meinen ersten Handtaschenraub habe ich übrigens lange danach in der Berliner U-Bahn bezeugt). Die Reaktionen waren damals wie heute fast immer gleich: „Was!? Du reist allein? Als Frau?“

Dabei ist alleine reisen meiner Erfahrung nach – mit entsprechendem Menschenverstand und ein paar Sicherheitsmaßnahmen – ähnlich gefährlich wie an einer großen Kreuzung über die Straße zu gehen und davon abgesehen das Beste, was wir für uns tun können! Wir lernen, in die eigene Stärke zu vertrauen, mit uns selbst umzugehen, mutig zu sein, mit wenig auszukommen und wir treffen interessante Menschen. Ich persönlich habe mich selten freier und zufriedener gefühlt.

[Außerdem bei ze.tt: Egal, ob Liebe oder Freundschaft – für immer ist Bullshit]

Man gewöhnt sich dran

Inzwischen habe ich mich an die Blicke, meine eigenen Restzweifel und die immer gleichen Fragen gewöhnt. Es ist wie mit den meisten neuen Dingen: Wenn man es oft genug tut, fühlt es sich normal an. Neulich war ich ganz allein Salsa tanzen. Es war großartig! Und vielleicht haben die anderen Kino-Zuschauer damals vor allem deshalb so komisch geguckt, weil ich noch im Gehen schon am Nikolaus nagte.

Also, lasst euch durchs bloße Alleinsein von keinem einzigen Abenteuer eures Lebens abhalten. Es wäre schade.


Dieser Text erschien zuerst auf ze.tt

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6 Kommentare

  1. Ohne Artikel wie deinen wüsste ich gar nicht, dass „wir“ stutzig werden, wenn Menschen Dinge ohne Begleitung unternehmen. 😉

    Es war kürzlich auch Thema in der FAZ. Vorher habe ich noch nie drüber nachgedacht, weil ich viele Dinge (z. B. Kino, Essen gehen) alleine mache und das für mich ganz selbstverständlich ist. Ich entscheide oft zu spontan, um noch andere zu erreichen.

  2. Ich glaube, das bilden wir uns immer nur ein, wenn wir allein unterwegs sind, dass die anderen gucken. Tatsächlich gehe ich inzwischen sogar gern ins Kino, ins Museum, zum essen… und zwar allein.

    Ich genieße die Zeit für mich und mit mir. Und manchmal, wenn im Nachmittags-Kino außer mir nur noch eine andere Frau sitzt quatsche ich sie einfach an. Ist doch auch mal nett, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Und wenn mal wieder ein Kellner meint, der allein ankommenden Frau den Tisch unmittelbar an der Toilettentür zuweisen zu müssen – dann frage ich ganz freundlich nach einem Fensterplatz. Und dann bitte ich darum, mir die Teller nicht zu rasch nacheinander zu bringen. Schließlich ist das langsamere Essen doch viel gesünder 😉

  3. Kirsten sagt

    Und nicht nur als Single. Ich bin schon lange verheiratet, mit einer erklärten Nichtreiserin. Wenn ich mich nicht allein auf die Reifen machen würde, könnte ich viel zu selten etwas anderes sehen als Bad Meingarten oder Balkonien. Oder sie würde sich durch den Urlaub quälen, auch nicht der Sinn der Sache. Und so reise ich allein, und tanzen gehe ich auch oft allein, dazu hat sie oft auch nicht so die Lust und unseren Freunden ist das alles schon lange viel zu spät….Aber ich spüre, dass ich lebe und doch noch ein Ganzes bin, nicht nur ein Halbes, dass nicht ohne die andere Hälfte stehen kann.

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