Briefe an Omi
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Brief an Omi, Nr. 12: Opi vermisst dich immer noch sehr

Oma

Liebe Omi,

du bist heute seit genau dreizehn Wochen tot und vergangene Nacht habe ich im Traum dein Sterben noch mal durchlebt. Ich konnte danach nicht mehr einschlafen. Du fehlst, weißt du. Allerdings kann mich dein Tod nicht davon abhalten, dir zu schreiben, was passiert ist. Und das ist diesmal eine ganze Menge.

Also.

Am Wochenende wollte ich mit Opa zu deinem Grab fahren, aber er war nicht in Stimmung. Wir hätten den Bus nehmen müssen und es nieselte und na ja, du weißt ja, wie er ist. Aber ich habe es versucht, Oma. Wirklich.

„Na, wollen wir mal die Omi besuchen und ihr ein Blümchen mitbringen, Opi?“

Er schaute mich mit ungewöhnlich weiten Augen an und fragte dann unvermittelt: „Fahren wir ins Krankenhaus oder was?“

Ich bekam schlagartig keine Luft mehr. „Nein, Opi.“ Ringen nach Atem. „Wir wollen auf den Friedhof fahren, weißt du? Zum Grab.“ Die letzte Silbe hing im Raum fest.

Unverständnis in Opas Blick: „Aber du hast doch eben gesagt, dass sie wieder zu Hause ist.“

Der Schmerz brannte so, dass meine Hand in seiner zu zittern begann. „Nee, das hab ich nicht, Opi. Wirklich nicht.“ Kleine Pause. „Vielleicht habe ich mich aber auch ungünstig ausgedrückt.“ Noch ein tiefer Atemzug, die Trauer bezwingend. „Du weißt doch noch, dass die Oma verstorben ist, oder?“

Und dann ranzte Opi wieder wie gewohnt: „Ja. Natürlich weiß ich das!“

Demenz, Oma, ist ein mieses Arschloch.

Ich hatte jedenfalls Kekse für Opi gebacken, die mupfelte er gleich ordentlich weg. Auch seinem neuen Nachbarn, dem höflichen Herrn Kummer, habe ich welche mitgebracht. Er wohnt in deinem Zimmer, Omi. Es ist ganz kahl und leer und gar nicht so gemütlich, wie du es dir eingerichtet hattest. „So, ich habe deinem Nachbarn auch ein paar Kekse gegeben, er hat sich gefreut. Weißt du, Opi – gute Nachbarschaft ist ja wichtig“, sagte ich betont beschwingt. Opa antwortete ganz trocken: „Ich glaube, der hat Zucker.“ Ich sprang sofort auf und rannte ins Stationszimmer. Nicht, dass ich den Herrn Kummer auf dem Gewissen hätte! Doch der freundliche Pfleger konnte mich beruhigen. Ja, er hat Diabetes, aber ein paar Kekse wären nicht gefährlich und er bekäme eh gleich Insulin.

Puh.

Auf dem Rückweg kam ich an einer rumliegenden Tageszeitung vorbei und spürte, wie der Trauerkloß in meiner Brust explodierte – wie wichtig dir immer deine Zeitung war. Es sind die Kleinigkeiten, die einen umschubsen. Einen Moment später saß ich schluchzend und schnoddernd auf dem Toilettenstuhl neben Opis Bett. Er sah mich lange und mitleidig an. Dann fragte ich: „Darf ich eins von deinen Tüchern um mir die Tränen abzuputzen?“

Seine Reaktion? Ein knappes Kopfschütteln.

Ich musste so lachen, Omi. Das hättest du auch lustig gefunden. Der Opa und seine Servietten!

Außerdem sah ich Beweisfotos davon, wie Opa bei der Bewegungs-Therapie im Rollstuhl Fußball spielt. Du hättest deinen Augen nicht getraut. Und ich hörte deine Stimme in meinem Ohr: „Der hat sein ganzes Leben lang nicht Fußball gespielt und jetzt mit 86 fängt er damit an!“

Es ist gut, dass er mobilisiert wird, weißt du? Es ist nur nicht gut, wenn er mehrere Stunden am Stück im Rollstuhl sitzen muss. Das schafft er (noch) nicht, dann hat er Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen. Ich habe der Stationsleitung und zwei Pflegerinnen Bescheid gesagt, dass sie ihn nicht länger als maximal eine Stunde im Stuhl sitzen lassen. Mal sehen, ob das klappt. Na, du weißt ja, wie das so ist.

Wir haben dann auch noch mehrere Partien Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gespielt und er hat mich nicht nur besiegt – er hat mich mal wieder demütigend vernichtet. Und wir hatten beide großen Spaß dabei.

Weniger schön hingegen – nein, ein absoluter Albtraum – ist der ganze Bürokratie-Wahnsinn.

Die Krankenkasse will die Kosten für zwei Krankentransporte nicht bezahlen und wollte von den Ärzten noch mal die entsprechenden Bescheinigungen über die medizinische Notwendigkeit haben. Die hatten meine Schwester und ich auch besorgt und fast schon vor Monaten hingeschickt – doch die Kasse behauptet, das wäre nie angekommen. Muss man wirklich alles per Einschreiben verschicken? Was ist denn da los? Ich habe dann versucht, bei deinem Urologen so einen Schein zum dritten Mal ausstellen zu lassen, was mir sehr unangenehm war. Aber das geht nicht mehr, weil du nämlich tot bist. Was nun?

Und auch das Grundsicherungsamt macht uns das Leben schwer. Die zuständige Sachbearbeiterin hat offenbar gewechselt und die neue Dame hatte äußerst üble Laune, als meine Schwester sie am Freitag anrief. Sie verlangt von uns, dass wir den kompletten Antrag für Opa noch mal neu stellen sollen und auch seine demenzielle Erkrankung muss angeblich noch mal festgestellt werden. Dabei liegen alle erforderlichen Unterlagen doch seit Jahren vor und außer, dass du nicht mehr hier bist, hat sich nichts geändert.

Und ich dachte, mit dem Witwerrenten-Antrag hätte ich den Endgegner besiegt. So naiv.

Ich weiß echt nicht, was wir jetzt machen sollen, Omi. Da ist kein Geld mehr. Aber irgendwie kriegen wir das hin. Müssen wir. Hoffentlich.

Als ich am Sonntag Abend dann in Berlin aus dem Zug stieg, rief ich Opa an. Um zu sagen, dass ich gut angekommen war. Und als ich ihn fragte, wie es ihm denn so ginge, sagte er: „Ich bin so traurig.“

„Aber warum denn, Opilein?“

„Wenn du weg bist, bin ich wieder allein.“

Es sind diese Augenblicke, die mich hilflos machen. Sätze wie diese, die mich mit einem Fingerschnipsen in tausend Scherben zerspringen lassen.

Ich sammelte meine letzte Reserven und erklärte ihm, dass er im Vergleich zu alten Menschen, die ohne andere Menschen in ihren Wohnungen sitzen, so alleine gar nicht ist. Dass er jedes Wochenende und auch unter der Woche Besuch bekommt, dass ich ihn täglich zweimal anrufe, dass die Pfleger*innen ihn mögen, dass er einen netten Nachbarn hat und ja sogar Sport macht. „Ja, eben“, sagte er bei jedem Punkt.

Aber du bist nicht mehr da, Omi. Und dagegen hilft einfach gar nichts.

Ansonsten ist die Lage aber einigermaßen stabil. Wir fürchten uns ein wenig vor Weihnachten, aber vermeiden lässt es sich nicht. Ich hoffe sehr, dass es im Himmel tonnenweise Blätterkrokant und Königsberger Marzipan gibt. Das hast du zu Weihnachten nämlich immer sehr gern genascht.

Also dann, Omi. Bis nächste Woche.

Deine Jessi


[Lest auch Brief an Omi, Nr. 11: Dein Grabstein steht]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 10: Ich könnte mich aufregen!]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 9: Flashbacks tun furchtbar weh]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 8: Der Wahnsinn bricht aus]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 7: Mir graut vor Weihnachten]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 6: Was mach‘ ich nur mit Opi?]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 5: Du bist immer bei mir]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 4: Ohne dich ist alles doof]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 3: Was heißt eigentlich „tot“?]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 2: Opi ist so traurig]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 1: die Beerdigung]


 

Wir geben Opa nicht ins Heim

© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.

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4 Kommentare

  1. Liebe Jessica,

    so vieles von dem, was Du Deiner Omi schreibst, erinnert mich an die Demenz meiner Omi. Die Schroffheit, wenn man Dinge einmal zu oft erklärt, „Das weiß ich doch, ich bin doch nicht bescheuert!“, die Behörden, denen man eigentlich nur beikommen kann, wenn man mehr über Pflege weiß als sie, die Leere im Herzen trotz eines im Vergleich zu anderen einigermaßen aktiven Lebens, bei Deinem Opi hat das Loch der Tod der Omi hinterlassen, bei meiner Omi der Tod ihres Lieblingssohns, meines Vaters.
    Ich lasse Dir mal etwas da, Du musst es nicht lesen, aber jedenfalls, ich weiß. ❤
    Über die Demenz meiner Oma

  2. „Es sind die Kleinigkeiten, die einen umschubsen.“

    „Aber du bist eben nicht mehr da, Omi. Und dagegen hilft einfach gar nichts.“

    Und es sind ganz oft diese kleinen Sätze in deinen Briefen, die mich nicken und die Tränen laufen lassen.

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