Briefe an Omi
Hinterlasse einen Kommentar

Brief an Omi, Nr. 19: Alles Gute zum Geburtstag

Oma

Liebe Omi,

du bist jetzt seit einundzwanzig Wochen tot und gestern war dein Geburtstag. Es gibt keine Worte für das Gefühl der Leere in meinem Herzen. Jedenfalls kann mich der Tod nicht davon abhalten, dir zu schreiben, was so alles los ist.

Also. Egal, wie sehr ich es versuche: Ich kann mich nicht an deinen letzten Geburtstag erinnern. Ich denke so angestrengt nach, das mein Kopf pocht. Aber da ist nichts. Was habe ich dir geschenkt? Warst du im Krankenhaus? Haben wir gefeiert? Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr.

Dabei war ich in den vergangenen Jahren so bemüht, mir all die letzten Male einzuprägen: Das letzte Weihnachtsfest, dein erster und letzter Besuch in Berlin, das letzte Mal in der alten Wohnung, ich habe noch ein Foto von dir, du sitzt angezogen auf Opas altem Sessel und winkst, deine Mundwinkel zeigen nach unten, deine Augen groß und dunkel.

Ausgerechnet dein allerletzter Geburtstag auf dieser Welt ist eine weiße Seite in meinem Kopf.

Du hast nie viel Aufhebens um deinen Geburtstag gemacht, zuletzt war dir alles viel zu anstrengend. „Ich hab‘ keine Lust mehr“, hast du dann gesagt und ich „Musst du auch nicht, Omi“, geantwortet.

Und jetzt feiern wir also an deinem Grab.

Ich habe Opi dick eingepackt und in den Rollstuhl gesetzt. Leider habe ich Montag keinen Transportdienst mehr organisiert bekommen, alles ausgebucht. Also musste ich mit ihm den Bus nehmen und mir war speiübel vor Stress. Angst, dass andere Mitfahrer und Mitfahrerinnen schimpfen, weil es zu lange dauert. Angst, dass der Bus mit Opi und ohne mich losfährt. Angst, dass Opi angerempelt oder geschubst wird…

Also waren wir extrafrüh an der Bushaltestelle – und nahmen prompt den falschen Bus. Zum Glück fiel es mir noch während der Fahrt auf und wir konnten rechtzeitig an der Nordseite des Friedhofs aussteigen. Dadurch allerdings mussten wir über zehn Minuten zu Fuß laufen – also ich, Opi saß ja im Rollstuhl – und es war furchtbar windig und kalt. Ich schob und schob und entließ sinnlose Worte in die eisige Luft. „Warum hast du mich mit Opi allein gelassen, Omi? Das ist so schwer manchmal.  Und ich hasse Friedhöfe, weißt du? Wieso bist du überhaupt tot? Ich verstehe das nicht, das ist ein beschissenes Konzept. Ich möchte, dass du wieder hier bist.“

Als wir endlich ankamen, waren sowohl Opi als auch ich komplett durchgefroren. Seine Nase hörte nicht auf zu tropfen.

Und da war es. Dein Grab. Auf dem Stein dein Name. Und Opis auch, aber da fehlt noch das Datum.

Wir standen minutenlang einfach so da. Opi im Rollstuhl, ich daneben. Und blickten schweigend auf die noch nackte Erde. Was hätten wir auch sagen sollen? Wir hatten zwei Rosen dabei, eine pink und eine rot. Ich stellte sie stumm in die beiden Vasen an den Seiten des Steins.

Dann kam Mama und hatte ein Grablicht dabei. Wir umarmten uns, gratulierten dir und sagten, wie sehr wir dich vermissen. Ich sang „Happy Birthday“ und wollte mich an die guten Momente und die Liebe erinnern – aber kein Optimismus und kein Herz kommt gegen die unendliche Dunkelheit an, die aus einem Grab strömt.

Was soll ich hier? Du bist doch sowieso immer bei mir. Deine Stimme tröstet mich, wenn ich weinend mein Bett neu beziehe, weil ich deins auch so oft bezogen habe, als du es nicht mehr konntest. „Ach, nun wein doch nicht mein Kind. Nicht weinen. Du musst fröhlich sein! Munter und fidel!“

Aber wie soll das denn gehen ohne dich, Omi?

Danach sind wir noch zusammen einen Kakao trinken gegangen und ich habe Opi wieder mit dem Bus nach Hause gebracht; der Rückweg war etwas einfacher. Trotzdem waren wir beide danach vollumfänglich erschöpft.

Ich vermisse dich so sehr. Und ich hoffe, du hast mit deinen Brüdern und Schwestern im Himmel eine ordentliche Sause gefeiert. Vielleicht wirfst du mal einen Blick nach unten. Obwohl… Lieber nicht. Ich will nicht, dass du uns so sehr weinen siehst.

Okay, Omi. Happy Birthday nochmal und bis nächste Woche.

Deine Jessi


[Lest auch Brief an Omi, Nr.18: Sei froh, dass du das alles nicht mitkriegst]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 17: Deine Schwägerin hat Opi aufgeregt]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 16: Opa hat es nicht leicht ohne dich]


 

Wir geben Opa nicht ins Heim

© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s