Briefe an Omi
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Brief an Omi, Nr. 21: Ich hoffe, im Himmel gibt es Soundcloud

Oma

Liebe Omi,

du bist jetzt seit vierundzwanzig Wochen tot und manchmal sitze ich einfach da und versuche, deine Stimme festzuhalten. Noch höre ich dich. Aber jedenfalls kann mich dein Tod nicht davon abhalten, dir zu schreiben, was so los ist.

Also.

Weißt du noch, wie du mir fürs Buch deine ganze Lebensgeschichte erzählt hast, in Fetzen und Fragmenten? Das war, als du noch Zuhause gewohnt hast. Wir saßen dann am Fliesentisch und aßen und redeten, nein, du erzähltest und das iPhone lief einfach mit. Immer mal wieder, über mehr als ein Jahr hinweg. Wie dankbar ich für diesen Einfall bin! Ich habe ein Hörspiel für meine Schwester und Mutter daraus gemacht und es „Oma erzählt vom Krieg“ genannt. Leider ist die Tonqualität so schlecht, dass man es nicht außerhalb der Familie verwenden kann.

Und du bist tot. Ich kann dich nicht noch mal interviewen. Nie mehr.

Aber du hast mich inspiriert, Omi. Es gibt noch andere Zeitzeuginnen, die Ähnliches erlebt haben, dachte ich mir. Fünf davon habe ich gefunden und ihre Geschichten gehört. Daraus ist jetzt für ze.tt ein Podcast entstanden, er heißt genau wie dein Hörspiel „Oma erzählt vom Krieg“ und soll daran erinnern, dass Krieg „grauenhaft“ ist, wie du gesagt hast. Dass es wichtig ist, Mitgefühl zu zeigen. Und dass Populismus und Nationalismus ins Verderben führen. Damals wie heute.

Er startet morgen und ich glaube, er würde dir gefallen, Omi. Du hast Geschichten geliebt. „Aus Geschichten kann man viel lernen“, hast du manchmal gesagt und dein Leben lang Bücher gelesen, auch vom Krieg. Besonders zu Herzen ging dir der Holocaust. Das hat dich nicht losgelassen, obwohl du damals noch ein Kind warst. „So was darf nie wieder passieren!“ Wie Recht du hast, Omi.

Dem Opa geht es übrigens gut, ich war am Wochenende wieder bei ihm. Er hat eine Blase an der Oberschenkelinnenseite, vermutlich vom Katheterschlauch, aber die geht wieder weg. Keine Sorge. Insgesamt war Opi zwar etwas schlapp, aber wir haben einen gemütlichen Tag zusammen verbracht. Ich habe ihm die Haare geschnitten und ein paar Beauty-Produkte geshoppt: Duschzeug, Gesichtscreme, Deo und Bodylotion. Und er hat ordentlich Obst und Kekse gemupfelt. Es hätte dich gefreut.

Okay, Omi. Das war’s soweit von mir. Ich hoffe, du kannst den Podcast hören und im Himmel gibt es Soundcloud. Bis nächste Woche dann. ❤

Deine Jessi


[Lest auch Brief an Omi, Nr. 20: Du hast den Frühling so geliebt]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 19: Alles Gute zum Geburtstag]

[Lest auch Brief an Omi, Nr.18: Sei froh, dass du das alles nicht mitkriegst]


 

Wir geben Opa nicht ins Heim

© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.

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2 Kommentare

  1. Guten Morgen….ich habe noch nicht alle Briefe für die Omi gelesen…ich finde es toll. Ich habe leider keine so tolle Omis gehabt, bzw. es war nicht dieser Bezug zu ihnen da. Die eine wohnte einfach zu weit weg und die andere bevorzugte unsere Cousine. Kurz vor ihrem Tod sagte sie meinem Vater, das ich ja eine ganz Liebe wäre:( ich war jeden Tag im Altenheim, um sie zubesuchen-meine Cousine nicht. Ich wünsche dir noch ganz tolle Briefe und eine schöne Erinnerung an deine Omi!

  2. Andrea sagt

    Ich freue mich, dass Deine Pläne Wirklichkeit werden. Da ich noch ziemlich unbedarft bin, wenn es um’s bloggen oder podcasten geht, hoffe ich kein Podcast verpasse. Und, ich hoffe das Buch lässt dann nicht allzu lange auf sich warten.

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