Briefe an Omi
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Brief an Omi, Nr. 24: Das Band zwischen uns wird nicht schwächer

Oma

Liebe Omi,

du bist jetzt seit siebenundzwanzig Wochen tot, und ich glaube, so langsam kann ich dich wirklich gehen lassen. Fast. Natürlich hält mich dabei aber so was wie der Tod nicht davon ab, dir zu schreiben, was alles so los ist.

Also.

Ich habe keine Ahnung, wo wir hingehen, wenn wir sterben. Es gibt die unterschiedlichsten Theorien. Wir werden wiedergeboren oder wir werden Geistwesen oder Lichter, Engel oder so. Ein Knotenpünktchen in der Matrix. Vielleicht. Niemand weiß das. Auf jeden Fall jedoch bleiben wir Erinnerungen, Worte, Bilder für die, die uns lieben.

Du hast immer von Wolke Sieben gesprochen und dass du von da oben auf uns herabschaust und aufpasst. Wenn ich dich brauchen sollte, hast du gesagt, kommst du einfach runtergerutscht.

Ich wollte dich lange nicht gehen lassen, Omi. Dein Rat, deine Launen, dein Herz und deine Scherze – sie waren, seit ich denken kann, Teil meines Lebens. Ohne dich fühlte es sich lange an, als hätte mir jemand meine warme Jacke weggenommen und ich säße nur im T-Shirt im Januarregen.

Und nun reißt die Wolkendecke langsam auf. Da ist ein Sonnenstrahl, ein einziger. Und ich gucke hoch und stelle mir vor, wie du da oben sitzt und an Rosen schnupperst und tanzt und immer traurig wirst, wenn du runter guckst, weil wir traurig sind und dich vermissen. Das will ich nicht. Dein Leben war von Anfang an und die ganze Zeit hart und lang genug, du warst tapfer und hast dich nie unterkriegen lassen bis zum Schluss hast du gekämpft. Du hast dir deinen Frieden auf Wolke Sieben wirklich verdient, Omi.

Mach dir keine Sorgen um uns. Die Traurigkeit wird jeden Tag ein Fitzelchen weniger. Es wird Momente geben, immer wieder, in denen Erinnerungen, Worte und Bilder weh tun. In denen ich weinen muss. Weil du fehlst. Aber das ist okay, es war einfach Zeit für dich. Du warst so lange Zentrum und Herz unseres Lebens und ich bin dankbar dafür, dass ein Mensch mich so lieb hatte und von mir zurückliebgehabt wurde. Dass du so lange durchgehalten hast und so zäh warst. Das Band zwischen uns wird nicht schwächer, Omi. Nur viel, viel länger. Zu Wolke Sieben ist es nämlich ziemlich weit.

Aber eins weiß ich genau: So lange mein Herz schlägt, so lange werde ich die Liebe für dich bei mir haben. Und das tröstet mich.

Okay, Omi. Das war’s soweit von mir. Ich hoffe, es geht dir gut da oben. Bis nächste Woche dann!

Deine Jessi


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[Lest auch Brief an Omi, Nr. 21: Ich hoffe, im Himmel gibt es Soundcloud]


 

Wir geben Opa nicht ins Heim

© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.

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