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Brief an Omi, Nr. 26: Ostern am Grab

Oma

Liebe Omi,

du bist jetzt seit einundreißig Wochen tot und nun haben wir das erste Ostern ohne dich feiern müssen. Jedenfalls mich hält so was wie der Tod nicht davon ab, dir zu schreiben, was so los ist.

Also.

Vergangenes Jahr Ostern habe ich dich im Pflegeheim besucht – dieses Jahr auf dem Friedhof. Hätte ich damals nur gewusst, dass es wirklich unser letztes gemeinsames Ostern sein würde. Du wolltest unbedingt, dass ich Eier färbe. Im Pflegeheim. Auch nicht irgendwelche Eier, sondern die guten vom Markt. Ich war so müde und erschöpft und wollte nach Hause. Du hast nicht locker gelassen: „Ohne bunte Eier ist das doch kein Ostern.“ Ich war nölig und maulig – aber ich habe mich in die Stationsküche gestellt und behelfsmäßig Eier gefärbt, irgendwie. Für dich, Omi.

Für dich war Ostern auch schöner und wichtiger als Weihnachten. Weil alles sprießt und die Natur ihren Kreislauf von Neuem beginnt. So ähnlich fühlt sich mein Herz grad auch an; das Grau und die Kälte ziehen sich zurück. „Das Leben geht immer weiter, Kind“, höre ich dich sagen und lächle dabei.

Opi geht es okay, er war im Pflegeheim beim Osterfrühstück. Vergangenes Jahr waren wir alle drei beim Brunch, aber das hat das Heim jetzt umgestellt. Es geht schon um 8 Uhr los und um 10 ist es wieder vorbei. Ich vermute ja Sparmaßnahmen. Für Opi, du kannst es dir denken, war das viel zu früh. Als ich gegen kurz nach 10 auf seine Station kam, saß er noch im Speiseraum in der Küche und rollte am Tisch mit seinem Rollstuhl vor und zurück. Vor und zurück. Vor. Zurück. Er war unrasiert, guckte mich nicht an und hatte nicht mal einen Schal um.

„Was machst du denn da, Opilein? Warum rollst du hier rum?“
„Nur so.“
„Willst du irgendwo hin?“
„Ich weiß nicht.“

Manchmal tut es weh, Omi. Ich habe ihn dann wieder ins Bett legen lassen. Als Ostergeschenk hatte ich ein gerahmtes Foto seines ostpreußischen Heimatdorfes dabei, das ich beim Aufräumen gefunden hatte.

„Was ist das hier, Opi? Erkennst du das?“
„Das ist doch ein Dame-Spiel. Nein, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht.“

Er hielt das Bild für ein Brettspiel, Oma. Aber als er einige Zeit später etwas ruhiger war und ich ihn noch mal fragte, da hat er es erkannt. „Zuhause“, flüsterte er und sein Daumen lag bebend auf dem Glas.

Und dann gab’s kein Halten mehr. Er zeigte mir, wo es damals zur Kleinbahn ging, zum Gutshaus und zu den Fischteichen; wo das Plumpsklo stand und wo die Nachbarn wohnten.

„Die wurden damals auch gleich erschossen, genau wie Tante Lina.“
„Von wem, Opa?“
„Na, von den Russen!“
„Ach… Und warum, waren das Nazis?“
„Nein, einfach so.“

Genau wie sein Vater. Die Geschichte kennst du ja.

Jedenfalls hatte ich nicht nur das Bild, sondern auch Schoko-Eier dabei. Richtige Eier hatte meine Schwester ihm am Tag zuvor mitgebracht. Also mupfelten Opi und ich Schokolade, zockten Mensch-Ärgere-Dich-Nicht und zum Schluss habe ich ihm noch Frühlingslieder vorgesungen.

Danach bin ich dich besuchen gefahren. Meine Schwester und ich trafen uns an der Bushaltestelle und gingen zusammen zu deinem Grab. Inzwischen kenne ich den Weg fast ohne Karte.

Auf einmal standen wir da, wo du für immer liegst. Vor dem Stein im akkuraten Rechteck gelbe und violette Stiefmütterchen. Die mochtest du sehr, das waren die ersten Pflanzen auf deinem Balkon jedes Jahr. Wir stellten ein Grablicht auf und einen Engel und sagten „Hallo, Omi“. Dann umarmten wir uns schweigend. Der Aprilwind raschelte durch die Birkenzweige, Sonnenstrahlen malten Flecken auf die dunkle Erde mit den ersten Grashalmen. Nichts zu hören außer Vogelzwitschern.

Es ist okay. Frieden ist ein gutes Gefühl.

„Schön hast du’s hier, Omi.“ Ich wußte, dass du lächelst, weil wir einander haben. „Frohe Ostern.“

Und dann legten wir ein bunt gefärbtes Ei auf dein Grab.

Das war’s soweit von mir, Omi. Ich hoffe, im Himmel gibt’s nur die guten Eier vom Markt und zwar in allen Farben des Regenbogens. Nehme mal an, dass Ostern da oben eine große Sache ist. Bis nächste Woche dann!

Deine Jessi


[Lest auch Brief an Omi, Nr. 25: Du hast mich inspiriert]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 24: Das Band zwischen uns wird nicht schwächer]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 23: Ich habe deinen Einkaufs-Chip verloren]


 

Wir geben Opa nicht ins Heim

© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen. Ich würde mich freuen!

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1 Kommentar

  1. Liebe Jessica, ich finde es ganz prima, dass Du ein gefärbtes Ei auf das Grab von Deine Oma gelegt hast. Es zeigt auch die feste Tradition und Verbindung an, die Du mit Deiner Oma hattest bzw. noch hast. Ich bin am gestrigen Ostersonntag auch wieder in die Kirche zum Ostergottesdienst gegangen und habe dabei eine Kerze angezündet und dabei an nahe Angehörige gedacht, die nicht mehr unter uns weilen. Aber so lange wir an sie denken, leben Sie in unseren Denken und Handeln weiter. Ich bin gestern auch wieder in die Kirche eingetreten. Als die Pfarrerin mir den Segen erteilte schloss ich die Augen und es ging ein wärmendes Gefühl durch meinen ganzen Körper. meinlebenmitbrustkrebs.blogspot.com Liebe Grüße von Andrea

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