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Ansteckend.

Der alte Mann schlurft durch den Sand, seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. „Biscoitos. Biscoitos Globo. Biscoitos.“ Ich kenne seine Geschichte nicht, aber sie hat ihn ein Stück weit gebeugt. Auf seinem Hemdsärmel sind getrocknete Blutflecken, auf der rechten Schläfe hat er einen blauen Fleck. Ob er gestürzt ist? Seine zu große Hose ist ausgefranst und seine Füße sind wund und knorrig. Der Mann ist bestimmt weit über 70 – und er verkauft Kekse am Strand von Ipanema. Mein Herz zieht sich zusammen, ich denke an Oma und Opa und wie gut wir es doch haben bei uns in Deutschland. Dort würde er vermutlich ignoriert, bestenfalls, mit mitleidigen oder angeekelten Blicken beworfen, mindestens.

Igreja de Santo Antonio

Die Stimme in meinem Kopf

Ob der Mann weiß, was er auslöst? Ich bin gerade in Rios Stadtzentrum aus der Kapelle eines alten Klosters ins Tageslicht zurückgetreten, ich muss blinzeln, es ist so hell. Auf den Stufen ist mir ein Mann entgegengekommen, rosa T-Shirt, Shorts, Handy am Ohr. Ein Teil von mir hat gemerkt, dass er mich eindringlich angesehen hat. Ein paar Sekunden lang. „Das kann nicht sein, das bildest du dir bestimmt ein“, hat die Stimme in meinem Kopf gesagt, wie sie es jedes Mal sagt, wenn mich ein Fremder lange und intensiv anstarrt. Ich höre sie kaum noch.

Feuerwerk

Erwartungen.

Diesmal gehe ich nicht an die Copacabana. Dabei bin ich deshalb nach Rio gekommen. Aber meine Freunde feiern hier im Hostel auf ihrer Dachterasse und sie sind mir wichtiger als knapp drei Millionen Fremde. 

Rio

Es ist okay, immer an denselben Ort zu reisen

[Dieser Text zur Erklärung meiner 4. Reise nach Rio; im Original erschienen auf Travelbook.de] Früher habe ich sie belächelt und verachtet: Leute, die immer wieder an denselben Ort reisen. Erfahrungsfaule Spießer, risikoscheue Gewohnheitstiere, Langweiler. Ihre Aura müffelte nach Geranien und braungestreiftem Dauercamper-Vorzelt in Timmendorf, vielleicht noch nach Hotelpool-Chlor in Alicante.

Ein perfekter Tag

Wenn ich in Rio de Janeiro bin, bin ich glücklich. Es ist das große Ganze und jedes Detail. Es ist das Flirren in der Luft genauso wie der angesprühte VW Bulli, die gleißende Sonne und die eiskalte Caipirinha. Es sind die Fremden am Strand und die guten Freunde. Auf Instagram habe ich unter dem Hashtag #oneperfectdayinrio Fotos eines beispielhaften meiner Tage dort gesammelt – vom aufstehen bis zum schlafengehen. Quasi die Essenz meiner jüngsten Reise dorthin. Jetzt auch hier im Blog. Kommt mit, lasst uns durch mein Rio spazieren. Ganz ohne Worte.

Selfiestick

Selfie-Service.

Ich hebe den Kopf und halte mir die Hand über die Augen. Womit wedelt der junge Mann da vorn herum? Angel? Spazierstock? Laserschwert? Die beiden Mädchen auf der Decke im Sand vor ihm kichern begeistern und holen Geldscheine aus ihrer Tasche. Anschließend folgt ein kleines Handgemenge mit Stange. Hätte ich mal meine Brille auf. Es dauert etwas, bis ich die Situation erfasse: Der Typ da vermietet ernsthaft einen Selfiestick am Strand. 

Rio Beach

Drohnenschirme.

Ich komme aus dem Wasser und ich kann fühlen, wie sie gucken. Schwungvoll lasse ich mich auf mein Badetuch fallen. Mein Bikini ist zu klein, meine Narben sind zu groß, mir egal. Die Sonne lässt die Wassertropfen auf meiner Haut verdampfen. Für einen Sonnenschirm bin ich heute mal wieder zu geizig. Irgendwo knattert ein Hubschrauber. Ein Eisverkäufer schmettert sein Angebot. Wellen donnern zischend an den Strand und waschen über das Stimmengewirr hinweg. Die Geräuschkulisse hier am Strand von Leblon umfängt mich wie ein Stück Heimat. Dann ist da plötzlich dieses Surren. 

Kakau.

Ich sitze an der Straße. „Draußen nur Kännchen“, muss ich denken – Twitter ist schuld. Davon hat der brasilianische Kellner in der langen Hose und dem grün bedruckten Poloshirt natürlich keine Ahnung. Wovon er jedoch sehr wohl Ahnung hat: Ich bin eine Gringa und er wird wahrscheinlich Englisch mit mir sprechen müssen.